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Rio de Janeiro, den 11.06.2011

Pfeil vorwaerts

Liebe Freunde!

Die Besiedelung des Morros (Hügels) Dona Marta begann in den 30er Jahren des vorherigen Jahrhunderts. Heute leben hier ca. 7000 Menschen, es handelt sich also um eine relativ kleine Favela. (Demgegenüber leben in der berüchtigten Rocinha, die südlich vom Strand von Ipanema liegt, nach offiziellen Angaben über 60.000 Menschen, nach Schaetzungen bis zu 300.000...) Ca. 3 Mio. Menschen leben  in einer der 750 Favelas der Stadt. Sie entstanden im Zuge des rasanten Wachstums der Stadt, als die Mieten drastisch anstiegen und gleichzeitig die Fahrpreise der oeffentlichen Verkehrsmittel so starke erhoeht wurden, dass die taegliche Anfahrt von den preiswerteren Vorstaedten mit 2 oder 3 unterschiedlichen Bussen fuer die schlecht bezahlten Arbeiter ebenfalls unerschwinglich wurde. So kam es seit den 40er Jahren zum illegalen Bau der Huetten an den steilen Haengen Rios, die als zur Bebauung ungeeignet galten. Die Lebenserwartung hier betraegt 48 Jahre, im Landesdurchschnitt sind es dagegen 68.

Die Favela Dona Marta liegt genau zwischen meiner Wohnung und der Schule, an der ich arbeite, und zieht sich ca. 200 m von der Straße, an der Wohnung und Schule liegen, bis fast zur Spitze des ca. 340 m hohen Hügels hoch. In dem Bild liegt das Haus, in dem meine Wohnung ist, links über der mit Gras bewachsenen Satelliten-Schüssel, allerdings zur anderen Seite (Richtung Zuckerhut) gelegen.

Eine gewisse Berühmtheit hat die Favela durch das von Michael Jackson dort Mitte der 90er Jahre gedrehte Musikvideo zu seinem Song They don´t care about us erlangt.

Als ich in Rio im Juli 2007 ankam, war (auch) diese Favela nicht ungefährlich.

Foto rechts: Meine Wohnung liegt in der Mitte am linken Bildrand von Bäumen verdeckt.

 

Eigene Wohnung

 

Wie anderswo auch, war sie Drogenumschlagplatz und die Drogenhändler bekämpften sich entweder untereinander, um ihr Gebiet zu vergrößern, oder es kam zu Schießereien mit der Poizei, wenn diese wieder einmal ihre Präsenz demonstrieren wollte oder vielleicht aus einem aktuellen Anlass eingreifen musste.

Huetten

Trotzdem war ich mehrfach im unteren Teil der Favela gewesen, mich immer wieder bei den Einwohnern vergewissernd, ob ein Weitergehen zu gefährlich für mich sei, habe mit Menschen dort Musik gemacht und – soweit das damals möglich war – mich mit ihnen unterhalten.


Wenn es dort zu Schießereien kam, durften die Schüler das Schulgebäude aus Angst vor Querschlägern nicht verlassen. Mehr als einmal habe ich die bange Frage von Kollegen gehört, was denn geschehen würde, wenn die Drogenhändler, deren Fluchtweg hinter dem Schulgelände entlang verlief, in die Schule eindringen und Kinder als Geiseln nehmen würden. Glücklicherweise ist es hierzu nie gekommen.

 

Hütten in einer Favela  

 

Im Jahre 2008 fand eine große Polizeiaktion statt, bei der die Drogenhändler vertrieben wurden und eine Polizeistation an der Spitze des Hügels eingerichtet wurde. Auch wird die Eingangsstraße seitdem ständig von einem Polizeiwagen gesichert. Anfangs schienen sich die Bewohner der Favela an die Präsenz der Polizei gewöhnen zu müssen, doch ich vermute stark, dass ihnen inzwischen die jetzige Situation deutlich mehr behagt.

Im vergangenen Jahr oder vielleicht auch schon 2009 gab es während des Vormittags eine erneute heftige Schießerei, wiederum von Hubschraubereinsatz begleitet. Ich stöhnte innerlich schon auf, weil ich dachte, die Drogenhändler seien zurückgekehrt. Aber später erfuhr ich, dass nur ein Film gedreht worden war, der die frühere Situation widerspiegeln sollte.

Zum Glück ist es seitdem ruhig geblieben, die Favela ist zu einem Vorzeigeobjekt der Stadt geworden und wird Touristen als Ausflugsziel empfohlen. Leider profitieren offenbar nur die Transportunternehmen, die die Touristen dorthin bringen, von dieser Situation.

Am 5. Mai machte sich die Schulleitung zusammen mit den in Januar neu eingetroffenen Kollegen auf, um der Favela, aber auch sozialen Einrichtungen wie der dortigen Musikschule, die von der EAC unterstützt wird, sowie einen Kindergarten einen Besuch abzustatten. Zwar war ich mir immer noch etwas unsicher und verstaute meine neue Nikon erst noch nach jedem Bild im Rucksack, aber alle Menschen, denen wir begegneten, waren freundlich, grüßten uns oder erwiderten unseren Gruß, so dass ich diese Vorsichtsmaßnahme bald sein ließ. Ob ich aber die Kamera auch mitnehmen würde, wenn ich allein durch die Favela ziehen würde, glaube ich dann doch nicht…

Das Bild, das sich nach der 3stündigen Tour in mir festgesetzt hat, war bedrückend – ich hatte in einige Häuser Einblick erhalten können – da möchte ich wirklich nicht leben… Offene Abwassergräben verursachen Gestank, alles ist eng an eng gebaut, und jeden Tag endlose Stufen steigen zu müssen, noch dazu mit Wasserflaschen und anderen Lebensmitteln beladen. Puh… In einige Häuser hatte ich einen Blick werfen können – beengt, dunkel, überfüllt – da möchte ich wirklich nicht leben. Und doch ist es die Normalität für viele Menschen der unteren Mittelschicht Rios.

Zwar hat die Stadt einen Aufzug spendiert, aber der ist langsam und kann nur ca. 20 Personen gleichzeitig transportieren. Als ich ihn nutzte, waren es 25 und es erinnerte mich an Ölsardinen… Zudem fühlte ich mich nicht gerade sicher bei der ruckelnden Fahrt, so dass ich froh war, nach halber Strecke das Gefährt verlassen zu können und zu Fuß weiter zu gehen.

Aber – diese Favela besteht wenigstens aus Häusern, die überwiegend aus Stein gebaut sind. Dagegen habe ich in Recife schon welche gesehen, die in einen Fluß hinein und nur aus Holz und Pappe gebaut waren. Wie die Häuser allerdings gebaut sind, kann man auf den Bildern sehen. Hier ist kein Architekt und kein Statiker gefragt worden, sondern es wurde einfach irgendwie in den Hang hineingebaut. Das bei der Regenkatastrophe letztes Jahr kein Haus hinuntergestürzt ist, wie es anderswo ja vielfach passiert ist, dürfte daran liegen, dass die Häuser auf massivem Felsgestein stehen und nicht – wie anderswo – auf alten Mülldeponien errichtet worden sind.

Fotos rechts und unten: gewagte Konstruktionen

geagte Konstruktion

Favela

Abwasser

Favela

Favela

Favela

Abwasserkanal

Die Musikschule, in der viele der hier lebenden Jugendlichen in Gruppen Streichinstrumente lernen und in Orchestern spielen, ist ein Juwel der Favela. Es war beeindruckend, mit welcher Gewissenhaftigkeit und Freude die Jugendlichen musizierten. Vor einem Jahr waren sie im Rahmen einer Veranstaltung in unserer Schule aufgetreten. Nie werde ich ihre strahlenden Gesichter vergessen, mit denen sie nach ihrem Auftritt den verdienten Applaus entgegennahmen.

Musikschule

Meine Schule unterstützt dieses Projekt und auch ich hatte mich als Lehrer für E-Gitarre angeboten. Allerdings bestand derzeit kein Bedarf, nur an einem Lehrer für Querflöte. Zwar spiele ich auch dieses Instrument, habe es aber nur autodidaktisch erlernt und zu wenig Übung, um mir diese Aufgabe zuzutrauen. Aber vielleicht mache ich es doch noch.

Schueller

Schueller 2

 

 

Dass es in der Favela auch einen Kindergarten gibt, an dem Berufstätige ihre Kinder tagsüber abgeben können, überraschte viele aus der Besuchergruppe. Aber so sehr sich die Erzieherinnen auch um die Kinder bemühten, die Atmosphäre empfand ich als bedrückend – es war eng und dunkel, gab keine Außenflächen und so gut wie kein Spielzeug…

 

 


Kindergarten

Im Kindergarten

Kindergarten

Unter folgender Adresse kann man sich von einem Punkt der Dona Marta eine 360-Grad-Rundumsicht anschauen.
http://riodejaneiro.arounder.com/en/city-tour/favela-dona-marta.html (Man muss die Maustaste gedrückt halten und kann dann das Bild bewegen, übrigens nicht nur nach links und rechts, sondern auch nach oben/unten – letzteres ist ein interessanter Blickwinkel! Sieht man hinunter auf die Hochhäuser, dann liegt meine Wohnung ganz vorne links, verborgen von den Blättern des Baumes, der links neben der blauen Wassertonne seine Äste ausstreckt).

Tja, wie ich schon des öfteren gesagt oder geschrieben habe – Brasilien ist ein extrem gegensätzliches Land. Hier Reichtum und Wohlstand, und nur wenige Meter entfernt Armut und unwürdige Lebensbedingungen. Zwischen dem 25-m-Pool meiner Wohnanlage und der Favela liegen Luftlinie vielleicht 200 m… Dieses enge Beisammensein von Favela und moderner Grossstadt ist charakteristisch für Rio und unterscheidet die Situation hier von der der anderen südamerikanischen Favelas.
So etwas zu verdauen fällt mir auch nach 4 Jahren nicht leicht…

Bereits im April 2007, als ich nach Rio flog, um zu sehen, ob ich in dieser Grossstadt würde leben können, war mir klar, mit welche sozialen Gegensätzen ich konfrontiert werden würde. Und bereits da hat mich ein  - mir aus der Biologie bekanntes – Phänomen ueberrascht: Aufgrund der Vielzahl an sozialen Kontakten kommt es zum Dichtestress – und der bewirkt, dass man abstumpft. Tagtäglich derart vielen Menschen  zu begegnen ist im wortwörtlichen Sinne unnatürlich. Deshalb reagieren Körper und Psyche in einer Weise, die ungewöhnlich erscheint. Man blockt ab, die Menschen, denen ich täglich auf dem Weg zur Schule oder anderswo hin begegne, sehen mich nicht an, sondern schauen stur auf den Boden. Die Bettler auf der Strasse sieht man zwar, aber man reagiert nicht. Es sind zu viele. Und wirklich helfen kann man mit einer kleinen Gabe eh nicht.

Favela

    Corcovado im Hintergrund
Was kann man tun, um damit umgehen zu können?
Als eine Fotowand der Lehrer der Schule eingerichtet werden sollte, habe ich mich dafür eingesetzt, dass auch die ¨einfachen Angestellten¨ (Gärtner, Elektriker, Schreiner, etc.), die so wichtig für das Funktionieren der Schule sind, mit abgebildet wurden. Ein kleiner Beitrag gegen die hiesige soziale Diskriminierung. Was hatte mir meine ehemalige Freundin Yonnah doch einmal auf die Frage hiernach geantwortet? Soziale Diskriminierung gäbe es für sie  nicht – sie wolle nur einfach nicht mit bestimmten Menschen zu tun haben...

Eine Angestellte der Schule, die im vergangenen Jahr wegen der Regenkatastrophe ihr Haus verloren hatte, erhielt von mir (weil in meiner neuen Wohnung vorhanden) meinen Herd, Kühlschrank und mein Bett, und als sie mir mitteilte, dass sie die Dinge nicht abholen lassen könnte, weil sie den Transport nicht bezahlen könnte, habe ich auch das übernommen.
Meine Haushälterin, die ebenfalls in einer Favela wohnt, wird sehr gut entlohnt, bekommt Weihnachtsgeld, und wenn ich in Urlaub bin und sie sich um Katzen und Blumen kümmert, ist die Entlohnung hierfür sicherlich auch nicht ganz üblich.
Ob das nur gemacht wird, um das Gewissen zu entlasten? Ich weiss es nicht. Ich knacke trotz allem an dem Problem herum, aber das, was ich tue, mache ich gerne und hoffe, dadurch ein wenig denen zu helfen, die mir helfen, denen es aber finanziell nicht im mindesten ähnlich gut geht, wie mir.

Und trotzdem -  da sind die Erdnus-Verkäufer, die eine kleine Portion Erdnüsse auf einem Stückchen Papier auf den Tisch der Straßen-Bars legen und nach einigen Minuten zurückkehren, in der Hoffnung, man hätte sie gegessen und würde ihnen eine kleine Papiertüte mit einigen Nüssen abkaufen. Einige transportieren die Tütchen in einem Blecheimer, der am Boden ein kleines Feuer enthält, um sie zu erwärmen und so etwas schmackhafter zu machen.
Dann sind da die Kinder, die Süssigkeiten verkaufen, die ich zwar nicht mag, aber trotzdem bekommen sie etwas Geld, auch wenn man mir sagt, sie müssen alles zu Hause abgeben. Aber was wäre, wenn sie ohne Geld dort ankämen?

Und das junge Paar, das in einem Bauarbeiterzelt auf dem Bürgersteig in Flamengo wohnte, und dem ich etwas zum Abendessen gekauft und gegeben hatte. Der Dank fiel sparsam aus, sicherlich weil die Situation (ein 1,90 m grosser ¨Gringo¨ verschenkt Essen) ungewöhnlich war, aber die Augen der Frau, die das Essen entgegennahm, strahlten...
Schuhputzer? Hier sind sie an der Tagesordnung... Es ist schon ein erniedrigender Eindruck, wenn die Wohlhabenden sich die Schuhe von einem Menschen, der vor ihnen auf dem Boden kniet, putzen lassen und ihn dann mit ein paar Muenzen entlohnen.
Aber immerhin, sie arbeiten und betteln nicht nur.

Beeindruckend ist immer wieder eine Begegnung in Flamengo: Dort gibt es einen Schuster, der keine Beine mehr hat, aber jeden Tag auf seinem Lederschurz am Platz Lago de Marchado sitzt, umringt von zahllosen Schuhen, die er im Laufe des Tages repariert.  Auf Nachfrage wollte er auch mir helfen, aber nach einer regenbedingten Überschwemmung der Straßen platzten die Lederteile der Schuhe beim Trocknen irreparabel auf.

Dosensammler

 

Da sind die Menschen, die den Müll, der an der Strasse zur Abholung hingestellt wird, nach Brauchbarem durchsuchen – Papier, Dosen, andere Metallgegenstände. Für 1 kg Aludosen gibt es 1 oder 2 Reais (ca. 40 oder 80 Cent).

Da war der Mann, der morgens, als ich zur Schule ging, einen Papierkorb durchsuchte. Nichts ungewöhnliches. Bis auf den Moment, in dem ich ihm fast begegnete und sah, wie der das, was er da herausgeholt hatte, aß...

Da war noch der Mann, den ich auf dem Rückweg von der Favela Dona Marta auf dem Bürgersteig der viel befahrenen Rua Sao Clemente, an der ich wohne, sah – Kopf und Oberkörper in einem Pappkarton verborgen, die Beine auf den Bürgersteigplatten, schlafend …

Dosensammler an der Copacabana, im Hintergrund der Zuckerhut.    

Und der Mann, der immer (eigentlich sah ich ihn nur einige Wochen) eine Holzstange mit Plastikwimpeln bei sich trug, die er sich aus Plastiktüten gebastelt hatte - wieso eigentlich? -, ein Bein so übel entzündet, blutrot bis weiss, dass klar war, dass er nicht mehr lange würde überleben können. Yonnah hatte immer darauf hingewiesen, dass für alle eine kostenlose ärztliche Versorgung gewährleistet sei. Aber leider sind die Medikamente nicht kostenlos für die Ärmsten der Armen...

Favela
Favela, Botafogo, ganz im Hintergrund Copacabana (links) und Ipanema (rechts)
Huette   Favela

So, ich denke, das reicht erst einmal, um ein wenig das Bild vom Traumurlaubs/-arbeitsland Brasilien zu korrigieren. Ich habe da noch so einiges mehr auf Lager, aber ich will nicht mehr darüber schreiben und daran  denken… Brasilien ist halt ein sehr gegensätzliches Land...

Uwe
 

NEW: Uwe plays Walking by Myself

 
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