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Rio de Janeiro, den 22.07.2010

Pfeil vorwaerts

Liebe Freunde!

Was gibt´s Neues im Süden? Im letzten halben Jahr ist wieder eine ganze Menge passiert und ich will versuchen mich zu erinnern:

Im Dezember, unmittelbar vor Ende des Schuljahres, gab es große Verunsicherung, weil uns hier die Befreiung von der Visumspflicht genommen worden war und nicht klar war, wie und wann wir an ein neues Visum kommen würden. Hintergrund der Geschichte war, dass zwar Deutsche, die im Kulturbereich arbeiten, in Brasilien kein Visum benötigten, nicht aber umgekehrt. Als Brasilien wieder einmal in Deutschland diesbezüglich nachfragte und wieder eine negative Antwort bekam (wie viele Brasilianer arbeiten eigentlich umgekehrt im Kulturbereich in Deutschland...?), hob Brasilien die bis dahin gültige Regelung verständlicherweise auf...

Und wie üblich in solchen Geschichten hängt man dann zwischen den Stühlen, keine Behörde weiß von nichts und man kann nur abwarten, dass sich irgendwie dann doch noch alles regeln wird.

Schließlich erhielt ich ein temporäres Visum, dass aber schon am 31.12. endete. Was sollte ich damit tun??? Weihnachten nach Deutschland fliegen und schon nach wenigen Tagen wieder zurück, um dann ab dem 1.1. illegal in Brasilien zu leben (ein Kollege aus Sao Paulo war diesbezüglich bereits ausgewiesen worden) oder länger zu bleiben, aber dann mit einem Dienstpass mit abgelaufenem Visum zu versuchen wieder ins Land zu kommen? Schließlich entschied ich mich für ersteres – und erhielt 3 Tage vor Abflug ein neues Visum.

Dazu musste ich extra zur Polizei zum Flughafen fahren: 20 km Fahrstrecke, etliche Stunden Wartezeit, o.k., bin ich inzwischen gewohnt. Aber später (im Februar) stellte man fest, dass die Sekretärin der Schule auf einem Formular zur Beantragung eines Auslaenderausweises beim Namen meines Vaters einen Schreibfehler gemacht und einen Buchstaben falsch geschrieben hatte. Telefonisch war eine Korrektur nicht möglich, nein, ich musste noch mal zum Flughafen… Na ja, zumindest beinahe... irgendwie hat die treue Seele der Schule es dann doch noch hinbekommen, die Angelegenheit dort allein zu regeln. Das als kleines Beispiel für die hiesige Bürokratie.

Mit Beginn der Ferien begann dann ein kleiner Flugmarathon...

Rio – Recife (3 Tage dort), Recife – Lissabon, Lissabon – Frankfurt, Frankfurt – Münster, 5 Tage in Deutschland, dann Münster – München, München – Lissabon, Lissabon – Recife (Sylvester dort), Recife – Natal (10 Tage Tauchen), Natal – Recife (10 Tage dort), Recife – Rio.

Auf dem Rueckflug von Deutschland gab´s eine kleine Ueberraschung – ich hatte in Ms-Os um einen Platz am Notausstieg gebeten, aber man teilte mir mit, dass man von dort aus leider keinen Einfluss auf den Flieger, der von Lissabon aus startete, haette. Dort angekommen, wurde ich unmittelbar vor dem¨boarding¨ zurueckgerufen und erhielt einen neuen Flugschein fuer die Business-Class... Auch, nachdem ich nach 1 Std. Wartezeit im Flugzeug eine andere Maschine nehmen musste (weil die, in der ich war, von einem Bodenfahrzeug gerammt und dadurch flugunfaehig geworden war), wies man mir erneut einen entsprechenden Platz zu: Neben der erhofften Beinfreiheit ohne Ende Sektempfang, Menue nach Wahl etc. So laesst sich ein Langstreckenflug ertragen....

Dass aber insgesamt die Erholung etwas auf der Strecke blieb, duerfte klar sein. Trotzdem waren es spannende Wochen. Natal liegt 35 Flugminuten nördlich von Recife, gilt als eine der sichersten großen Städte Brasiliens und ist vor allem für seine Umgebung bekannt – riesige Sanddünden-Landschaften, die man mit einem Buggy befahren kann. Mein Fahrer hatte 18 Jahre Fahrpraxis dort und verstand es eindrucksvoll, das unter Beweis zu stellen... Die beiden Jugendlichen, die hinten im Buggy saßen und seine tatsächlichen Fahrkünste offensichtlich nicht abschätzen konnten, hatten mitunter etwas Probleme mit seinem Fahrstil...

 

Weitere Bilder findet Ihr auf Uwes Seite.

Die schöne Zeit in Natal hätte beinahe ein übles Ende genommen: Wie in Recife, so fährt man auch in Natal zum Tauchen ca. 1 bis 1 ½ Stunden mit dem Boot auf´s offene Meer. Die Unterwasserlandschaft ist klasse, jede Menge Fisch und die Sichtweite ist hervorragend.

So weit, so gut. Wenn man dann aber beim Auftauchen kein Boot mehr vorfindet, kommt man sich im wahrsten Sinne des Wortes reichlich verlassen vor.Die beiden Jugendlichen, die an Bord geblieben waren (ausnahmsweise war der Kapitän mit uns runtergegangen) hatten nicht aufgepasst, und so war das Boot so weit abgetrieben worden, dass wir es nur noch so eben am Horizont sehen konnten. Demzufolge konnten uns die Jugendlichen natürlich nicht sehen, denn schließlich ragten nur unsere Köpfe aus dem Wasser und der Wellengang war nicht ohne. Ich wedelte mit einer Flosse in der Luft herum und hielt mich mit dem Arm, dessen Schulter ich mir Ende Juli gebrochen hatte, an der Boje fest, die die Tauchstelle markierte. Nach einer viertel Stunde kam das Boot auf uns zu – Erleichterung ringsum, aber dann drehte es wieder ab, was eindeutig zeigte, dass wir nicht zu sehen waren. Ein leichter Anflug von Panik kam in mir auf, zumal ich merkte, dass das Winken und Festhalten an den Kräften zehrte. Nach insgesamt einer halben Stunde fischten uns die beiden schließlich auf.

Ich habe noch nie einen Menschen so toben sehen wie den Kapitän, als er wieder an Bord war...

Yonnah, die mich an dem Wochenende in Natal besucht hatte, versuchte zwar, mich davon abzubringen, nochmals mit der Basis zu tauchen, aber ich wiedersprach – solch ein Fehler würde mit Sicherheit nicht noch einmal geschehen.

 

Ansonsten aber war es eine entspannende Zeit. Im Anschluss hieran blieb ich weitere ca. 10 Tage in Recife, wo ich eine traumhafte Stahlsaiten-Gitarre der Marke ¨Crafter¨ erstand und weitere Tauchgänge absolvierte – wie dort ueblich waren es Wracktauchgänge auf bis zu 35 m Tiefe. Auf dem Bild unten sind wir beide zu erkennen, es war von einem anderen Fotografen gemacht worden.

   

Danach ging es zur Vorbereitung des neuen Schuljahres zurück nach Rio. Bereits eine Woche nach Schulbeginn gab es Karnevalsferien, und da ich nicht aus der Übung kommen wollte, ging´s wieder nach Recife. Was ich übrigens in den einwöchigen Osterferien gemacht habe, kann man sich nun schon denken...

Es ist schon verrückt, aber bei den hiesigen Dimensionen (Brasilien ist 24 mal so groß wie Deutschland) ist Fliegen tatsächlich alltäglich. Trotzdem, ganz wohl fühle ich mich ohne wirklich festen Boden unter den Füßen nur beim Tauchen.

Auch zu Recife gibt es übrigens inzwischen eine eigene Seite auf meiner Homepage.

Recife  
Gouverneurspalast
Die weitere Zeit wurde dann heftig stressig: Zum einen musste ich (erstmals) Abiturprüfungen in Chemie vorbereiten – in Marl hatte ich stets nur Prüfungen in Biologie stellen müssen. Zum anderen musste ich eine neue Wohnung suchen. Der Mietvertrag lief Mitte Juni aus. Ich hätte ihn zwar problemlos verlängern können, aber der Verkehrslärm an der dreispurigen Rua Sao Clemente ist inzwischen unerträglich geworden: Morgens ist nach 4:30 nicht mehr an Schlaf zu denken: 8 Busse in einer Minute macht 80 in 10 Minuten und damit 480 in einer Stunde. Und da ich direkt an einer Kreuzung und einer Bushaltestelle wohne, rauschen sie nicht nur an meiner Wohnung vorbei, sondern dröhnen beim Anfahren derart, dass auch Ohrenstöpsel nichts mehr ausrichten können. Abends habe ich einmal den gesamten Verkehr gezählt – 70 Fahrzeuge in einer Minute macht 4200 in einer Stunde. Dass Lärm krank machen kann habe ich zwar schon des öfteren gehört, aber nun selber erfahren müssen.
S. Teresa de Jesus  
schöne Kirche, aber renovierungsbedürftig

Also habe ich im Dezember, im Februar und im April Karten an alle 170 Bewohner des weiter von der Straße gelegenen 2. Blocks geschrieben und nachgefragt, ob jetzt oder in ein/zwei Monaten irgendwo eine Wohnung frei wird – und keine einzige Antwort erhalten... Daher habe ich seit April damit begonnen, in jeder freien Minute das Internet nach Angeboten zu durchforsten, Besuchstermine zu vereinbaren, Wohnungen zu besichtigen, nur um dann enttäuscht wieder abzuziehen. Einmal hätte ich beinahe bei einer Doppelhaushälfte zugeschlagen, aber genau zu dem Zeitpunkt ist mein Chef in seiner Wohnung überfallen und ausgeraubt worden, so habe ich aus Sicherheitsgründen dieses Angebot ebenfalls aufgegeben. Die übliche Wohnweise ist die, dass man in einem „Condominio“ wohnt, einem Hochhaus (oder einer abgesperrten Straße), das umzäunt und mit Rezeption versehen ist und zumindest ein Minimum an Sicherheit gewährleistet. – Apropos Kriminalität: Ein Schüler meiner Schule wollte mit anderen Musik machen, packte hierzu Gitarre und Verstärker in den Kofferraum eines Taxis und weg war es… - Dann gab es wieder Wohnungen, die zu laut waren, solche, bei denen man aus allen Fenstern nur die wenige Meter entfernt liegenden Wände der Nachbarhäuser sehen konnte, solche, die sündhaft teuer und trotzdem unzumutbar waren etc. etc. Den Gipfel schoss eine sehr ruhige, am Ende einer Straße und direkt an einem Berg gelegene kleine Wohnung ab, bei der man auf der Terrasse nichts anderes sehen konnte, als die 2 m entfernte kahle, betonverstärkte Felswand des Berges. Und dafür wurden noch ca. 1600 Euro monatlicher Miete verlangt...

Schließlich fand ich im Stadtteil Copacabana eine wunderschöne, ruhig gelegene Wohnung. Ich suchte die vermittelnde Rechtsanwältin im Stadtzentrum auf. Typisch deutsch war ich 10 Minuten eher als vereinbart dort, aber an der Tür klebte ein Zettel – sie würde um 17:15 zurückkehren, kam dann aber erst um 17:45 – typisch brasilianisch... Der Besitzer, so teilte sie mir schließlich mit, akzeptiere nur eine physische Person, die noch dazu über 2 eigene Häuser als Sicherheit verfügen sollte, als „Fiador“, als Bürgen, nicht dagegen eine Institution wie meine Schule. Immerhin gestattete sie mir einen zweiten Besuch, bei dem der Verwaltungsleiter meiner Schule mitkam. Inzwischen hatte ich mir zur Verwunderung der Rechtsanwältin die Wohnung auch nachts angesehen – der Geräuschpegel war völlig akzeptabel. Der zweite Besuch bei ihr verlief ähnlich wie der erste, allerdings sollten wir ihr bestimmte Unterlagen über die Schule sowie meinen derzeitigen Mietvertrag zusenden. Hoffnung keimte auf. Aber das Ende vom Lied war eine endgültige Absage und (mal wieder) viel verschwendete Zeit.

Die Suche zerrte immer mehr an den Nerven, die E-Gitarren lagen seit 3 Monaten im Koffer, was es seit 36 Jahren nicht bei mir gegeben hat. Zur Bekämpfung der übelsten Entzugerscheinungen wurde nur hin und wieder eine der akustischen Gitarren von der Wand genommen...

Und dann geschah doch noch ein Wunder. Ein Apartment im 2. Block wäre frei, teilten mir die Portiere mit. Aber niemand hatte die Telefonnummer des Besitzer. Yonnah, die mich von Recife aus bei der Wohnungssuche tatkräftig unterstützte, indem sie das Internet durchforstete und alle ihr gut erscheinenden Angebote an mich übermittelte, riet mir, ein Ehepaar aufzusuchen, das ein Stockwerk tiefer wohnte und sich dort gut auskenne. Dieses teilte mir mit, dass es zwar nichts von der Wohnung in dem oberen Stockwerk wüsste, aber die Nachbarwohnung sei auch gerade frei geworden. Man kann sich meine Aufregung nach der strapaziösen Suche sicherlich vorstellen. Und dann die Enttäuschung, als ich feststellen musste, dass die Telefonnummer des Wohnungsbesitzers nicht stimmte – am anderen Ende meldete sich eine genervte Frau, die sich über ständige Anrufe beklagte und versicherte, sie hätte keine Wohnung zu vermieten. Aber vielleicht war genau dieser Fehler mein Schlüssel zur Wohnung – denn im Gegensatz zu der offenbar großen Anzahl meiner Konkurenten fand ich die korrekte Nummer heraus, und der Besitzer sicherte mir die Wohnung sofort zu, als er den Namen meiner Schule hörte.

Inzwischen ist der Umzug ueberstande und ich bin so ziemlich am Ende meiner Kräfte... Wohnungssuche in Rio – der Horror, wie mir auch schon die im Januar neu angekommenen Kollegen berichtet hatten. Darüber hinaus ziehen bereits jetzt die Preise wegen der anstehenden Olympiade unglaublich an. Und zu guter letzt steht der Euro so schlecht da wie noch nie – hatte ich 2007 noch 330 Euro für 1000 RS gezahlt, so sind es derzeit 460 Euro.

Aber die Suche hat sich gelohnt – die Wohnung liegt tatsächlich weitaus ruhiger, ich habe nach wie vor einen nur 5-minütigen Schulweg, was bei den hiesigen Verkehrsverhältnissen Gold wert ist, und ich kann weiterhin den großen Pool nutzen, der zwischen den beiden Wohnblocks liegt. Wobei ich ihn nicht alleine nutzen werden – seit März wohnen 2 total verschmuste Katzen bei mir, die jemand ausgesetzt hat, als sie gerade mal ca. 2 Monate alt waren. Beide hellbraun, wobei Ohren, Nase, Schwanz und Pfötchen dunkelbraun (beim Weibchen weiß) sind. Offenbar eine Kreuzung zwischen Perser und Birma.

Yonnah, die inzwischen fuer ein Wochenende kurz nach Rio gekommen war, plant derzeit, Ende des Jahres wieder nach Rio zurückzukehren. So weit, so gut, aber sie hat ebenfalls Katzen, drei an der Zahl. 2 + 3 = ... Und damit dürfte es wohl etwas eng werden. Also wieder umziehen??? Lieber erst mal nicht daran denken!
 
   
"Flöckchen“ und „Pipo"

Aber was ist Wohnungssuche schon im Vergleich mit dem Verlust eines kompletten Hauses, wie es 3 Mitarbeitern unserer Schule passiert ist, als sich hier die grosse Regenkatastrophe ereignete. Noch nie habe ich derart hautnah einer solchen Katastrophe bewohnen muessen – es war schlichtweg schrecklich. Den ganzen Tag ueber auf allen Sendern eine Schreckensmeldung nach der anderen... - Als ich umzog, habe ich einige Dinge wie Bett, Herd u.a., was in der neuen Wohnung schon vorhanden war, an eine der betroffenenen Personen verschenkt und so zumindest einen kleinen Beitrag zur allgemeinen Hilfsaktion leisten koennen.

Jetzt habe ich endlich Ferien - In der ersten Woche bin ich zur Ilha Grand gefahren, wo ich zuletzt vor einem Jahr zusammen mit meinem Bruder und seiner Tochter gewesen bin, um meine dortigen Freunde wiederzusehen und mit 2 von ihnen wieder einmal einige Tauchgänge zu absolvieren. Danach bin ich dann wieder nach Recife geflogen, wo ich derzeit stecke und diesen Bericht, den ich in Rio geschrieben hatte, gerade noch etwas ueberarbeitet habe.

Nach der Rueckkehr Ende Juli stehen dann mal wieder die schriftlichen Abiturprüfungen an. Für Oktober ist noch einmal ein Ausflug nach Fernando de Noronha geplant und im Anschluss hieran werden die mündlichen Abiturprüfungen stattfinden, womit sich das Schuljahr dann auch schon wieder seinem Ende zuneigt.

Wie die Zeit verfliegt! Inzwischen bin ich nun schon volle 3 Jahre hier!

Im Dezember werde ich – wie ueblich – wieder nach Deutschland fliegen; dieses Mal sicherlich etwas laenger und, wenn alles gut geht, wird Yonnah ebenfalls wieder mitkommen. Aber bis dahin werde ich mich noch melden. Até logo!

Uwe

ubrunn@eacorcovado.com.br
Ältere Einträge
Bericht vom 25. Juli 2008
Bericht vom 15. April 2008
Bericht vom 22. Dezember.2007
Bericht vom 11. November 2007
Bericht vom 19. August 2007
Bericht vom 20. Juli 2007
Uwe während der FIFI 2010
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