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Rio de Janeiro, den 09.11.2009

Liebe Freunde!

Am 17.03. hatte ich meinen letzten Bericht geschrieben. Ein neuer (es müsste der 10. sein) ist längst überfällig, also ran an den Speck...

Im April war es möglich gewesen, aufgrund mehrerer Feiertage die Schule eine Woche lang schließen zu können – kurze Ferien zum Luftschnappen... Also die Sachen gepackt und zusammen mit Yonnah für eine Woche wieder auf die Ilha Grande gefahren. So schön wie die Insel ist, man sollte dort besser keinen Salat essen – erneut hatte ich mir eine heftige Magen-Darm-Verstimmung zugezogen.

Ilha Grande 1

Ich hatte schon berichtet, dass es auf dieser Insel keinen Autoverkehr gibt – einfach traumhaft. Dieses Mal wäre mir das aber beinahe zum Verhängnis geworden: Da Yonnah neben dem Tauchen gerne etwas mehr von der Insel hatte sehen wollen, wanderten wir zusammen ca. 3 Stunden zu dem ehemaligen Gefängnis, von dem ich schon berichtet habe. Dort angekommen ging es mir dann aufgrund der Magen-Darm-Probleme derart übel, dass ich keinen Meter mehr zurückgehen konnte. Was nun?!?!

Man schlug mir vor, die Feuerwehr (die natürlich über ein oder mehrere Autos verfügt) kommen zu lassen, aber das wäre zweifellos teuer geworden.

Zum Glück richtet z.Z. eine Universität aus Rio in den ehemaligen Mannschaftsgebäuden des Gefängnisses eine Zweigstelle (mit biologischer Station u.ä.) ein, und genau an diesem Tag fand dort eine Tagung mit ca. 30 Professoren statt, die mit einem Bus vom Hafen hergefahren worden waren (natürlich waren auch während der Zeit, zu der das Gefängnis genutzt worden war, zumindest einige Militärfahrzeuge im Einsatz und dementsprechend gibt es befahrbare Wege/Straßen auf der Insel). Nachdem ich einige Stunden lang die neu eingerichtete Krankenstation eingeweiht hatte und wohl ein Bild des Elends abgegeben hatte, ermöglichte man es mir (mit wirklich großer Ausnahmegenehmigung!), abends mit dem Bus mit zurückfahren zu können. Gerettet...
Ilha Grande 2

Ob ich mir die Erkrankung tatsächlich durch einen Salat eingefangen hatte, weiß ich nicht sicher, denn kurz danach erwischte es auch Yonnah und sogar die Besitzerin der Pousada musste ihren Tribut zollen. Man sprach davon, es sei ein Virus, der schon längere Zeit „in der Luft“ läge. Was nun zutreffend war, war mir egal, es war einfach nur übel... – Trotz allem, diese Insel ist über und unter Wasser ein Traum, und längst war klar, dass wir im Juli zurückkommen würden.

Bevor es dazu kam, brach der Schulalltag wieder über mich herein – Unterricht, Klausuren, Elternsprechtag, schriftliche Abiturprüfungen, Ärger mit einer Kollegin, die – zur Rede gestellt – zugeben musste, dass sie für ihre Verleumdung keinerlei Belege bringen konnte, der Absturz der Air-France-Maschine bei Fernando de Noronha auf dem Weg von Rio nach Paris

Fotos links und oben: die schöne Insel Ilha Grande

(die Maschine oder zumindest den Flug hatten wir im Dezember ebenfalls genommen und etliche der 26 Deutschen waren in der Schule bekannt gewesen...), dann geriet unser Grundschulleiter an einem Wochenende während eines Besuchs seiner Schwiegereltern im normalerweise von Fremden gemiedenen Nordteil Rios genau in den Schusswechsel zweier sich bekämpfender Banden - es war wahrlich keine langweilige Zeit...

Aber dann war es endlich so weit: (Winter-)Ferien! Und mit denen kam mein Bruder mit seiner Tochter Lara, die gerade in Deutschland ihr Abitur bestanden hatte. Wie schon im letzten Jahr, so stand auch dieses Mal wieder das übliche „Pflichtprogramm“ an – aber, auch wenn ich die Plätze schon mehrfach aufgesucht habe – es ist jedes Mal wieder auf´s Neue beeindruckend, mit der Seilbahn auf den Zuckerhut (Pao de Acucar) oder mit der Zahnradbahn auf den Corcovado hochzufahren und die traumhafte Aussicht zu genießen, die im letzteren Fall bis zu den am Horizont erkennbaren Bergen reichte. Wir kraxelten auf den Morro da Urca (den vor dem Zuckerhut gelegenen Berg), fuhren erneut für ein paar Tage auf die Ilha Grande (klar – muss ich es extra erwähnen??? - Durchfall inklusive...) und fuhren für 4 Tage auf einen Reiterhof, wo Lara einen mehrtägigen Ritt unternahm, während mein Bruder und ich uns in einer völlig entlegenen (aber so was von entlegen..!) Gegend entspannten.

Aal
Ein schöner Aal: Keine giftige Seeschlange, sondern ein harmloser Pflanzenfresser
Sepia  
Sepia  
Kalamar  

Ein sehr einschneidendes Ereignis ließ die Urlaubsfreuden dann aber leider sehr schnell und nachhaltig verblassen – Da Yonnah seit 1 ½ Jahren erfolglos versucht hat, eine neue Arbeitsstelle zu bekommen und einerseits die Chancen in Recife besser für sie stehen, sie andererseits wieder gerne den Beamtenstatus erhalten möchte und dafür Kurse belegen und Prüfungen ablegen muss, was sie nur in ihrem Heimatstaat Pernambuco machen kann, ist sie im Juli leider dorthin zurückgekehrt.

Die Trennung machte und macht uns sehr zu schaffen! Zwar habe ich sie Anfang September an einem längeren Wochenende besucht und werde auch am 19 November wieder nach Recife fliegen (mal eben 5000 km Flug für ein Wochenende – das sind halt brasilianische Dimensionen...), aber es ist hart, hart wegen der Trennung und hart, weil sie sehr, sehr viel lernen muss und deshalb auch nicht mit an dem schon lange geplanten zweiten Urlaub auf Fernando de Noronha teilnehmen konnte.

Drachenkopfportrait 
   
Drachenkopfportrait 

So extrem stressig, wie der Arbeitsalltag in Rio auch ist, so traumhaft sind andererseits die Ausflugs- bzw. Urlaubsmöglichkeiten.

Zuckerhut Blick vom Zuckerhut in Richtung Corcovado
Zuckerhut  
Blick vom Zuckerhut in Richtung Corcovado; Schule und Wohnung liegen direkt unterhalb vom Corcovado
Blick vom Zuckerhut Richtung Copacabana  
Ipanema

So traumhaft, wie diese Insel auch ist, alleine hatte ich nicht viel Freude daran, denn zu vieles erinnerte mich an die gemeinsamen Erlebnisse vor einem Jahr.

– Unvergessen aber werden für mich die Minuten bleiben, in denen meine Gruppe beim Tauchen von Delfinen umringt wurde – nach Angaben der Tauchguides (die noch nach Tagen anderen Tauchergruppen davon berichteten) ein sehr seltenes Ereignis. Zu sehen, mit welcher Mühelosigkeit die Tiere mit 2, 3 Schwanzschlägen mit bis zu 60 km/h davon schossen war schlichtweg unglaublich. Dass sie (wegen ihrer Intelligenz?) eine starke Ausstrahlung ausüben, war mir bekannt und ich habe es ebenfalls fühlen können, aber dazu noch diese grenzenlose Eleganz...

links: Ipanema

/Bahia do Sancho
Bahia do Sancho
Im letzten Jahr hatte ich keinen einzigen Tauchgang unternehmen können, da ich unter einer üblen Stirnhöhlenvereiterung litt, und dieses Jahr wäre es beinahe ähnlich gewesen, denn Ende Juli hatte ich mir bei einem Sturz auf einer regennassen Treppe den Oberarm im
Glasklares Wasser
Bahia dos Porcos

Schultergelenkbereich gebrochen. Hatte ich anfangs noch an eine Verstauchung gedacht (wie ich sie mir vor etlichen Jahren beim Inliner-Laufen zugezogen hatte), so belehrten mich zunehmend stärker werdende Schmerzen dann doch eines besseren… Eine Computertomografie zeigte, dass ein Stück des Knochens abgesplittert war, sich verschoben hatte und inzwischen wieder verwachsen war. Dank intensiver Physiotherapie ist die Beweglichkeit des Arms wieder gut hergestellt, aber noch ist nicht klar, ob die Schmerzen ganz abklingen werden oder ob nicht doch noch eine Operation notwendig sein wird. – Wie sagt man so schön: Ein Unglück kommt selten allein…

Ein weiterer Punkt, der mir zunehmend mehr zu schaffen macht, ist die Tatsache, dass ich es nach nunmehr fast 2 ½ Jahren noch immer nicht geschafft habe, musikalisch Fuß fassen zu können - zwar versucht mir mein Gitarrenlehrer zu helfen und es gab immer wieder Verabredungen, sich mit anderen Musikern zu treffen, aber ebenso häufig gab es Absagen, weil mal wieder der ein oder andere verhindert war.

Diese Unzuverlässigkeit scheint leider ein Charakteristikum der Cariocas zu sein – so, wie man auf der anderen Seite bei jeder neuen Begegnung sofort Telefonnummer und e-mail-Adresse, aber beim Versuch einer Kontaktaufnahme nur selten Antwort bekommt.

So ist es mir z.B. passiert, dass ich per Zufall an einem Studio vorbeikam, in dem eine Band beeindruckend probte. Ich erhielt Einlass und erfuhr, dass es sich um eine der ältesten und bekanntesten Progressive Rock Bands Brasiliens handelte – „O Terco“ aus Sao Paulo. Sofort bekam ich von allen Musikern die Mailadressen – aber hinterher leider keine Antwort mehr....

Zu alledem kam eine nochmals gestiegene Arbeitsbelastung:

- Die Schule hat es (als zweite von 112 dt. Auslandsschulen) geschafft, durch ein entsprechendes Institut bestätigt zu bekommen, dass ihre internen (vor allem Verwaltungs-) Abläufe den Qualitätsanforderungen der ISO-Normen entsprechen (ISO-Zertifizierung).

- Derzeit findet eine Inspektion durch die dt. Schulaufsicht, in der alles und jeder (vor allem im pädagogischen Bereich) überprüft werden (Bund-Länder-Inspektion), wobei für beides Unmengen an Dokumenten erstellt, Prozessabläufe überprüft und optimiert werden mussten etc. etc. ...

- Und ganz nebenbei fanden gerade auch noch die abschließenden, mündlichen Abiturprüfungen statt... Zum dritten Mal ist kein Schüler durchgefallen und von den 31 Abiturienten haben 12 einen Schnitt von unter 2,0 erzielt, der gesamte Jahrgang hatte einen Durchschnitt von 2,3... Schöner Erfolg.

Und dann noch das: Bisher waren wir hier von der Visumspflicht befreit. Als die bras. Regierung in Deutschland nachfragte, ob Gleiches nicht auch für die in dort arbeitenden Brasilianer gelten könne, lehnten die deutschen Behörden ab... Mit dem Ergebnis, dass ich nun ein bis zum 31.12. befristetes Visum in meinen Ausweis eingestempelt bekommen habe. Das heißt, wenn ich zu Weihnachten nach Deutschland fliege, muss ich vor dem 31.12. wieder zurück sein, sonst komme ich nicht mehr ins Land. Bin ich dann hier, werde ich ab dem 1.1. illegal hier sein, so dass ich mein Apartment besser nicht mehr verlassen sollte. Urlaubsreisen??? Passkontrollen am Flughafen? Lieber nicht... Zwar soll noch alles irgendwie geregelt werden, aber man sollte bekannter Weise seine Reisen etwas früher buchen...

Delphine
Delphine
Sunset
Sunset
Alles in allem z.Z. etwas heftig, etwas viel, und das alles mag erklären, weshalb ich mich nun schon über ½ Jahr nicht mehr gemeldet habe. Es fällt schwer, sich bei alledem die Ruhe zu gönnen, die für das Schreiben eines solchen Berichts bzw. eine entsprechende Reflexion des in den vergangenen Monaten Geschehenen notwendig ist. Soll nicht wieder vorkommen (hoffe ich...).

Zum Schluß eine kleine Anekdote – die Welt ist ein Dorf ...

Ich benötigte kleine Beutel mit Trocken-Gel, um das Problem mit der Kondensationsfeuchtigkeit im Gehäuse meiner Unterwasserkamera beseitigen zu können. Aber kein Fotogeschäft hier konnte mir helfen.

Zufälligerweise waren in einem Döschen mit Vitaminpräparaten zwei Beutelchen enthalten, die ins Gehäuse gepasst hätten (aber natürlich längst mit Feuchtigkeit gesättigt waren). Also schrieb ich

•  am 24.06. die Firma „multisorb“ mit Sitz in New York per Internet an und bat um Hilfe.

•  2 Stunden später erhielt ich Antwort von der herstellenden Firma aus Californien mit Verweis auf einen in Rio befindlichen Vertrieb.

•  An den wendete ich mich...

•  ...und erhielt umgehend per e-mail dessen Telefonnummer sowie den Hinweis, seine Tochter arbeite z.Z. an meiner Schule im Kindergarten, ich könne mich von daher auch direkt an sie wenden...

Sag ich doch – die Welt ist ein Dorf...

Bis zum nächsten Mal!

Uwe

ubrunn@eacorcovado.com.br
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Bericht vom 07. November 2008
Bericht vom 11. November 2007
Bericht vom 2. Oktober 2007
Bericht vom 19. August 2007
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