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Rio de Janeiro, den 17.03.2009

Liebe Freunde!

Schon wieder ist eine Menge Zeit vergangen – 4 Monate – und es wird Zeit für einen weiteren Bericht..

Am 17. Dezember endete das Schuljahr hier, und schon einen Tag später saßen Yonnah und ich im Flugzeug, um über Paris und Ms-Osnabrück gen Heimat zu reisen. Weihnachten wurde zusammen mit meinen Eltern gefeiert, es wurden Freunde besucht und in aller Eile mit Betaplan geprobt, denn viel Zeit stand nicht zur Verfügung. Am 27.12. gab es dann ein Konzert in Haltern, auf dem wir erstmals öffentlich das Projekt Times and Reasons aufführten, was – so glaube ich schreiben zu dürfen – allen Beteiligten viel Spaß gemacht hat. Außerdem habe ich mich über das Erscheinen vieler Freunde und Bekannte sehr gefreut. Wenn irgend möglich, werden wir es bei meinem nächsten Besuch wiederholen

Da ich zur Zeit der Reiseplanung noch nicht wusste, ob mein Vertrag verlängert werden würde und daher u.U. Sylvester 2008 die letzte Chance für mich hätte sein können, einen Jahreswechsel in Brasilien zu erleben, flogen wir bereits am 29.12. wieder zurück. Ein anderer Grund war der, dass ich Yonnah nicht zu lange dem für sie natürlich recht ungewohnten Klima aussetzen wollte – aber sie kam überraschend gut damit zurecht (immerhin hatte sie schon einige Wintermonate in Grenoble gelebt). Auch ihre Reaktionen bezüglich der „Größe“ von Billerbeck und den – verglichen mit dem hektisch-überfüllten Rio und Recife nun wirklich völlig anderen - Lebensbedingungen dort und in dem von uns ebenfalls besuchten Münster überraschten mich: Sie genoss es sichtlich – die Beschaulichkeit, die Ruhe (vor allem nachts – etwas, was in unserem Apartment in Rio leider undenkbar ist) und insbesondere das Gefühl der Sicherheit, dass einem erst bewusst wird, wenn man – inzwischen 1 ½ Jahre lang - ständig mit einem mal mehr, mal weniger bewusst erlebten Gefühl einer ständig notwendigen, sichernden Aufmerksamkeit gelebt hat. Was berichtete sie nach ihrer Rückkehr immer wieder ihren Freunden? Dass es ganz unglaublich sei, um die Häuser herum gäbe es in Deutschland keine Zäune und etliche Haustüren hätten große Glasscheiben… Am meisten aber war sie beeindruckt von der Freundlichkeit, die ihr von allen entgegengebracht worden war. Hierüber war sie zutiefst gerührt…

  Paris : Eifelturm…  

… und Monmatre / Sacre Coer

 

Nach einem längeren Zwischenstop in Paris , bei dem wir Monmatre besichtigten, landeten wir am 30.12. in Rio und schon am nächsten Morgen ging es weiter nach Recife . Dort begann dann ein sehr wechselhafter Urlaub… Die geplante Sylvesterfeier fiel quasi ins Wasser, weil derartige Feiern hier offenbar erst kurz vor Mitternacht beginnen, die Stimmung reichlich merkwürdig-steif war, wir niemanden kannten und die Freundin Yonnah´s, die uns eingeladen hatte, wohl erst nach 1 Uhr erschien, als wir schon längst das Weite gesucht hatten…

Nach einigen traumhaften Wracktauchgängen in einiger Entfernung (s.u.) vor Recife (glasklares, tiefblaues Wasser mit sogar in 30 m Tiefe noch 28 – 29 Grad) fuhren wir für 5 Tage ca. 150 km südlich nach Japaratinga . Die Pousada lag zwar an einem sehr ruhig gelegenen Stand, das Wasser war aber leider zu aufgewühlt, so dass es nicht so spannend war, dort hineinzugehen.

  Yonnah während des Abtauchens  

Seehase, ca. 30cm große Nacktschnecke

 
  Strand bei Joao Pessoa…  

… und Japaratinga

 
  Urlaubs-Idylle pur  

Japaratinga und Kokospalmen-Wälder

 
Wir kehrten für einige Tage nach Recife zurück und fuhren dann ungefähr die gleiche Strecke nördlich nach Joao Pessoa – unmittelbar in die Nähe des östlichsten Punktes Brasiliens. Auch dort fanden wir eine sehr schöne Pousada und ebenfalls traumhafte Stände, aber die Wasserverhältnisse waren leider überwiegend ähnlich wie gehabt.

Gipfel war ein Tauchgang, den wir wegen schlechter Sicht schlichtweg abbrechen mussten. Als wir dann mit dem Boot zurückwollten, gab es einen Motorschaden…. aber kein Funkgerät an Bord… Und da das Boot ziemlich weit draußen lag und die Dämmerung begann, wurde es spannend… Irgendwann hat die Beatzung das Boot dann wieder flott bekommen. Tja, die Sicherheitsstandards sind manchmal halt doch etwas anders hier. Allerdings muss ich der Ehrenrettung halber sagen, dass ich ähnliches bei inzwischen 50 Tauchgängen hier noch nie erlebt habe, sondern ganz im Gegenteil - sehr gut ausgebildete und engagierte Tauchguides, modernes und gepflegtes Equipment und gute Boote waren bisher die Regel.

Eindrücke unterwegs

Beeindruckend war dagegen ein Ausflug in ein Mangrovengebiet, wo wir die Gelegenheit hatten, einen „Peixe-Boi“ (Seekuh), ein bis zu 4 m großes, im Süßwasser lebendes Säugetier beobachten zu können. Sie sind völlig harmlos und ich wäre gerne ins Wasser gegangen, aber aus Artenschutz-Gründen war es nicht erlaubt.

Mangrovendickicht

 

rechts: ein Peixe boi (Seekuh)
Auch unterwegs auf den An- und Abreisen gab es widerspüchliche Bilder – einerseits riesige Kokospalmen-Wälder, andererseits großflächige Zuckerrohr-Monokulturen (zur Herstellung von Alkohol als Autotreibstoff sowie für die Herstellung von Cachacca dem hier weit verbreiteten Zuckerrohrschnaps), die vor allem nach der Rodung ein trostloses Bild und ein schutzloses Opfer für Bodenerosion abgeben. Wenigstens blieb es uns erspart, hinter einem der LKW herfahren zu müssen, die die Ernte abtransportieren. Man kann sie nicht überholen, denn sie haben – ich habe es gesehen – bis zu 4 Anhängern! Auf meine Frage, wie denn so ein Ungetüm fahren kann, bekam ich nur die Antwort: „Ganz, ganz langsam“… Wegen der Zug-Länge ist überholen tatsächlich nicht möglich und zusätzlich bekommt man noch jede Menge Staub und Herunterfallendes ab.

 

 

  Zuckerrohrplantage  
LKW
 

 

 

  Ungetüm  
Bodenerrosion nach der Ernte
 
Insofern gab es Licht und Schatten. Da Yonnah zwecks Knüpfung von Kontakten viele Orte mit dem Auto anfahren musste, blieb die Erholung haufig leider etwas auf der Strecke. Darüber hinaus musste ich – wieder in Recife angekommen – ihr gegenüber irgendwann gestehen, dass ich mit dieser Stadt nicht viel anfangen kann. Sie ist mir zu unpersönlich, mir fehlen die vielen Morros (Hügel) Rios, die dort die Stadt in so viele kleine, recht unterschiedliche Viertel gliedern, die Metro, mit der man so schnell, bequem und vor allem ohne Auto alles erreichen kann, der Verkehr ist mindestens ebenso hektisch*, die Straßenverhältnisse sind schlechter, und zudem gibt es viele dreckige Viertel, die man (anders als in Rio, wo es sie natürlich auch gibt) häufig nicht meiden kann, wenn man von einem Stadtteil in einen anderen will. Selbst der Strand erwies sich als nicht so prickelnd (oder vielleicht doch…), denn die Warnschilder vor Hai-Angriffen laden nicht gerade zum Baden ein.

Selbst Yonnah zeigte sich zunehmend enttäuscht von ihrer eigenen Stadt, denn etliche Plätze, die sie mir zeigen wollte, existierten nicht mehr, und sie äußerte den Verdacht, dass die derzeitige Regierung für die zunehmende „Verhässlichung“ verantwortlich sei. Schließlich ließ sie sogar ihren ursprünglichen Plan, in Recife ein Appartment zu kaufen, fallen.

*Apropos Verkehr: Der Bus vor mir blinkte nach rechts und wurde langsamer – klar, da war ja auch eine Haltestelle. Da die Straße mehrspurig war, wollte ich ihn auf der zweiten Fahrspur überholen. Aber der Fahrer hatte es sich wohl anders überlegt und bog links ab. Da wurde es dann eng…

Ach ja, und was die Kriminalität anbelangt – kurz nach meiner Rückkehr erhielt ich in Rio die Nachricht, dass Yonnahs Vater in Recife überfallen worden war - das Auto und alles, was er bei sich hatte, wurde ihm abgenommen. Er selber bleib zum Glück unversehrt.

Altstadt von Olinda, unmittelbar neben Recife gelegen.

 

     
 

 

Gegensätze in Recife

     
 

     
 
Wo ich schon dieses Mal dabei bin, mehr die negativen Seiten aufzuzählen, passt auch noch folgende Geschichte:

Immer Samstags ist unmittelbar neben dem Haus von Yonnah´s Mutter eine Diskothek in Betrieb. Mit einer unvorstellbaren und absolut unerträglichen Lautstärke bis morgens um 5 Uhr. Ob man da nichts gegen machen könne? Klar sei die Polizei gerufen worden, aber mit etwas Geld in der Tasche sei sie wieder abgezogen. Und ob man da nicht juristisch etwas unternehmen könne? Im Prinzip schon, aber der Besitzer ist der Sohn eines bekannten Politikers… Ich muss gestehen, dass mich das Gefühl der Ohnmacht regelrecht schockiert hat.

Tja, alles in allem – trotz der schönen Seiten bzw. Bilder – insgesamt ein zu hektischer Urlaub. Viel mit Ausruhen war da nicht. Am 25.01. kehrte ich nach Rio zurück (Yonnah musste noch einiges in Recife erledigen und kam erst später nach) und erlebte ein wahrhaft tropisches Wetter mit einer Luftfeuchtigkeit, wie ich sie hier seit 1 ½ Jahren nur an einem Tag erlebt habe. Und das hielt über Wochen, bis ich schließlich 3 Nächte in Folge nicht mehr schlafen konnte und zum Arzt musste: Das vegetative Nervensystem mache auf sich aufmerksam, meinte er…

Schließlich legte sich die Luftfeuchtigkeit wieder, aber die Hitze blieb und besteht immer noch. Selbst die Brasilianer stöhnen und klagen. Laut Zeitungsbericht soll derzeit der heißeste Sommer seit 110 Jahren herrschen. Das geht an die Substanz – oder im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge, denn seit 2 Wochen habe ich blasige Schwellungen im rechten Auge, die trotz Medikament nicht verschwinden und mich doch reichlich beunruhigen…

Also nicht gerade ausreichend Erholung, klimatischer Stress und in der gerade wieder anlaufenden Schule ist´s ja nun auch nicht gerade langweilig… Mal sehen, was das noch gibt.

Jedenfalls habe ich es in der Karnevalswoche ruhig gehen lassen, ihn links liegen lassen und dafür lieber schon mal in Ruhe etwas vorgearbeitet, um nicht hinterher vor einem Berg an Arbeit zu stehen, denn neben dem normalen Unterricht und der Oberstufenleitung steht auch wieder die Organisation eines Abiturs an.

Zum Glück werden wir im April aufgrund der Häufung einiger Feiertage eine Woche “Luft“ haben – die Pousada auf der Ilha Grande ist schon gebucht. Dann gibt´s sicher wieder mehr Positives zu berichten…

Bis dahin alles Gute!

NEU: Uwes Website
UweBrunn@gmail.com
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