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Rio de Janeiro, den 25.07.2008

Liebe Freunde!

Nachdem nunmehr schon wieder ein viertel Jahr vergangen ist – und bevor am Montag das neue Schulhalbjahr beginnt – will ich versuchen, wieder eine kurze Zwischenbilanz zu ziehen.

Die erste Hälfte dieses Jahres war die mit Abstand arbeitsintensivste Phase meines bisherigen Berufslebens gewesen – die (neben dem üblichen Unterrichtsalltag zu leistende) Organisation des hiesigen Abiturs hatte schon eine Herausforderung der besonderen Art dargestellt. Letztlich ist aber alles zufriedenstellend verlaufen und es hat viel Spaß gemacht, wieder in meinem alten Tätigkeitsgebiet arbeiten zu können. Allerdings waren mit Ende der Abiturprüfungen für den 13. Jahrgang auch gleich schon wieder die ersten Vorbereitungen für das (durch die Schulzeitverkürzung erste) Abitur eines 12. Jahrgangs zu treffen, und in wenigen Wochen werden die Prüfungen beginnen. Von daher will ich mal, bevor der Arbeitsalltag wieder zuschlägt...

Yonnah

In meinem Bericht vom April hatte ich eine „Kleinigkeit“ unterschlagen, die ich damals noch nicht so recht hatte einordnen können... Eine Nachbarin im zweiten Wohnblock der hiesigen Appartement-Anlage hatte per „Wurfpost“ den Verkauf von Einrichtungsgegenständen angeboten, weil sie Rio verlassen und für mehrere Monate nach Brüssel ziehen wollte. Was mit der Absicht, eine Mikrowelle zu erstehen, begonnen hatte, hat sich inzwischen zu einer festen Freundschaft mit einer 36jährigen Brasilianerin und ihren beiden Katzen entwickelt. Letztere heißen Gigio und Babalu, erstere Yonnah. Sie stammt aus dem 2500 km nördlich von Rio gelegenen Recife und hat in den vergangenen Jahren hier in Rio für die brasilianisch-argentinische Kernenergie-Kontrollbehörde gearbeitet. Zwar hat sie inzwischen, wie von ihr beabsichtigt, gekündigt, aber Brüssel ist kein Thema mehr, sondern stattdessen ein Aufbaustudium, um anschließend in Rio ein neues Tätigkeitsfeld zu suchen. Zum Glück spricht sie neben Portugiesisch, Spanisch und Französisch auch fließend Englisch, so dass die Verständigung kein Problem darstellt. Viel Zeit habe ich leider wegen der beschriebenen Arbeitsbelastung nicht für sie gehabt, aber den ein oder anderen Ausflug haben wir dann doch unternehmen können und in der ersten Ferienwoche habe ich sie sogar in ihrer Heimatstadt besuchen können – aber der Reihe nach...

Nachdem ich Ende März aus Buzios zurückgekehrt war, flog Yonnah nach Buenos Aires, um dort eine internationale Konferenz zu organisieren. Dementsprechend konnte (und musste) ich mich den schriftlichen Abiturprüfungen widmen. Nebenbei gab es einige weitere Sessions mit hiesigen Musikern, die aber leider nicht fortgesetzt wurden, weil das Studio anderweitig gebucht wurde. Habe aber bereits neue Kontakte, so dass ich optimistisch bin, wieder musikalisch Boden unter die Füße zu bekommen.

Nach ihrer Rückkehr unternahmen wir vom 19.-23.4. einen Ausflug zur Ilha Grande. Neben einigen schönen Tauchgängen habe ich leider auch erstmals erfahren müssen, welche schier unglaublichen Folgen der Verzehr von Salat hier haben kann... Na gut, Yonnah hatte mich gewarnt, aber da hatte ich bereits probiert... Immerhin habe ich sie auf diese Weise als ausgesprochen engagierte und kompetente Krankenschwester erleben können...

oben: Seepferdchen  
 
     oben: Meeresschildköte  

Im Anschluss an den Ausflug standen die Zweitkorrekturen der Abiturklausuren sowie die Organisation der mündlichen Abiturprüfungen an. Zusammen mit den Korrekturen der Klausuren meiner eigenen Klassen (7, je 2 x 9, 11 und 12), der Vorbereitung des Elternsprechtages, eines Schulfestes, dem Aufstellen der eigenen Abiturvorschläge für August etc. etc. eskalierte die Arbeitsbelastung schließlich derart, dass sogar der wöchentliche Gitarren- und Portugiesisch-Unterricht nur noch zur Pflichtübung degradiert wurden, deren Aufarbeitung (und manchmal sogar Teilnahme) mir nicht mehr möglich war. Es war schon heftig. 15-stündige Arbeitstage waren keine Seltenheit, und ein Unterschied zwischen Alltag und Wochenende war kaum mehr auszumachen...

 

Die dunkle Seite Rios

In solchen Phasen starker Anspannung belasten mich dann Erlebnisse wie die folgenden ganz besonders:

Als ich Mitte April einmal morgens zur Schule ging, wühlte ein Mann in einiger Entfernung vor mir im Müll. Soweit nicht ungewöhnlich, denn die hiesige Mülltrennung funktioniert überwiegend auf die Weise, dass eine Vielzahl von Menschen dort abends nach Kunststoff, Dosen, Papier etc. sucht. Beim Näherkommen sah ich allerdings, dass er nicht danach suchte, sondern nach Essensresten, die er augenblicklich zu verzehrten versuchte. Den ganzen Tag über wurde ich diesen Eindruck nicht mehr los....

Noch schlimmer war der zufällige Besuch einer Kirche (Candelaria), vor der 1993 Polizisten 8 schlafende Jugendliche im Alter von 11 – 20 Jahren erschossen hatten, nachdem tags zuvor ein Polizeiwagen mit Steinen beworfen worden war. Jemand hat ihre Körperumrisse auf den Bürgersteig gemalt und ein kleines Mahnmal erinnert an diese schreckliche Tat.

 

Ein ähnlich bedrückendes Erlebnis hatte ich im Frühjahr am Strand von Flamengo, wo eine Gruppe junger Menschen 2000 weiße Holzkreuze an einem Straßenrand aufgestellt hatte – als Symbol für die bis dahin in diesem Jahr in Rio durch Schusswaffen getöteten Einwohner...

Das ist halt die schreckliche Kehrseite dieser ansonsten so faszinierenden Stadt.

 

Gegensätze

Wenn wir schon bei den Gegensätzen sind – vieles ist hier sehr gegensätzlich: So z.B. auch die Straßenverhältnisse. Die Autobahnen, auf denen ich bisher gefahren bin, waren gut ausgebaut und asphaltiert. Aber hin und wieder gibt es Schlaglöcher, die so tief sind, dass man vermutlich die Achse einbüßen würde, wenn man sie (z.B. nach mehrstündiger Nachtfahrt) mal übersieht...

Oder: Rio ist eine hochmoderne Stadt, in der man alles erhalten kann, was man braucht, mit hervorragenden Restaurants, gut funktionierendem Nahverkehr. Aber will man mal Geld überweisen, kann es schon passieren, dass man 2 oder 3 Stunden lang in einer Schlange anstehen muss... Und wenn man nicht alles auf einmal überweisen kann, muss man halt wiederkommen. Aber dann hat man sich schon fast daran gewöhnt....

Dann die Sache mit dem hiesigen „TÜV“: Man vereinbart einen Termin (von dem beim Eintreffen aber niemand etwas weiß), wartet 2 Stunden lang, muss Kofferraum- und Motorraumhaube öffnen, wartet dann angespannt, was da kommen mag, und nachdem das Licht kontrolliert worden ist, kann man wieder fahren... Nach Berichten von Kollegen soll es aber auch schon mal anders ablaufen. Das Problem dabei ist, dass niemand die Regeln kennt, nach denen die Fahrzeuge hier kontrolliert werden...

In dieses Bild der Gegensätze passt dann auch die (schweren Herzens) abgelehnte Einladung eines Bassisten aus der Nachbar-Favela, mit ihm und einigen Freunden in einem angemieteten Studio Musik zu machen, da die Gefahr einer Entführung (nach Meinung einiger Bekannter) zu hoch sei...

Ferien

Am 4.7. war es endlich so weit - es gab endlich (Winter-)Ferien und am Abend saß ich dann in der Maschine, die mich zu Yonnah bringen sollte. Sie war bereits vor einer Woche in ihre Heimatstadt geflogen, um Organisatorisches zu erledigen. Beim Flug nach Recife wurden mir nochmals die brasilianischen Größendimensionen bewusst – mal eben nach Hause zu fliegen heißt hier, eine Strecke von Münster nach Süd-Griechenland hinter sich zu bringen, knapp 3 Flugstunden.

 

links:Olinda / Recife

Trotz der von Yonnah zu bewältigenden Arbeiten gab es zum Glück noch genug Zeit, um das Zentrum und den Strand von Recife kennen zu lernen, das alte Olinda zu besuchen sowie einige der wunderschönen Strände in der Umgebung. Nun konnte ich Yonnah´s Spott bezüglich der Schönheit der Copacabana endlich verstehen. Während dort einige einsame Palmen einer meist beachtlichen Anzahl von Touristen gegenüberstehen, sind die Verhältnisse im Bundesstaat Pernambuco genau umgekehrt. Dazu eine traumhafte Stille, nur durchbrochen vom Geräusch der Wellen.

 

rechts: Strand bei Recife

Auch unter Wasser gab es einiges zu bestaunen, denn ich konnte Yonnah bei ihren letzten Ausbildungstauchgängen begleiten – bei winterlichen 27 Grad Wassertemperatur... an der Oberfläche waren es sogar 30 Grad, was dadurch zustande kommt, dass der gesamten Küste ein Riff vorgelagert ist, hinter dem landeinwärts sogenannte natürliche Swimming-Pools liegen, in denen das Wasser entsprechend aufgeheizt wird. Außerhalb des Riffs dagegen ist es weniger gemütlich – besonders vor Recife ist die Küste für die ungewöhnlich hohe Zahl von Hai-Angriffen berüchtigt.
Fische...   Fische...
 
oben: Corcovado
 

Touristenführer

Nach einer Woche ging es dann wieder zurück nach Rio, wo zeitgleich mein Bruder mit seiner Freundin landeten. Für 2 Wochen versuchte ich mich dann als Touristenführer und zeigte den beiden etliches von dem, von dem ich ihnen schon so viel erzählt hatte:

Copacabana, Ipanema, Fahrt auf den Zuckerhut, Wanderung im (man könnte fast schon sagen „zoologischen“) Parque Catacombe mit Aussicht auf die Lagoa, den hiesigen Binnensee, Stadtzentrum, Besuch des Doms (aus dem Yonnah und ich mal rausgeflogen waren... aber das ist eine andere Geschichte...) – dann 3 Tage Buzios – Fahrt auf den Corcovado, Straßenmarkt in Botafogo, Strand von Flamengo – anschließend 4 Tage Ilha Grande mit einigen wunderschönen Tauchgängen und einem Besuch am Traumstrand von Lopes Mendez – Botanischer Garten, Besuch meiner Schule, und das alles nicht bei dem befürchteten Winter-Regenwetter, sondern wolkenlosem Himmel und 25-30 Grad.

Lagoa  
Pinselohräffchen
Schmetterling  
Einsiedlerkrebs
Lopez Mendes  
Lopez Mendes
Redfish  
Calmar

Viel zu schnell gingen die 2 Wochen vorüber, und während für die beiden bereits morgen wieder die Rückkehr ansteht, wird für mich am Montag wieder der Unterrichtsbetrieb beginnen. Von daher lasse ich mich noch mal ein paar Minuten in Erinnerungen treiben und suche ein paar Fotos für Euch aus, damit Ihr ein wenig mitträumen könnt...

Uwe

ubrunn@eacorcovado.com.br

 

Ältere Einträge:
Bericht vom 15. April 2008
Bericht vom 22.Dezember 2007
Bericht vom 19. August 2007
Bericht vom 20. Juli 2007
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