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Rio de Janeiro, den 22.12.2007

Liebe Freunde!

Schon wieder sind 5 Wochen seit meinem letzten Bericht vergangen. Die Zeit verflog nur so, besonders jetzt am Schuljahresende, wo die letzten Klausuren korrigiert und die Zeugnisnoten erstellt werden mussten, etliche Konferenzen, aber auch diverse Feiern anstanden und ich meinen Umzug in eine andere Wohnung organisieren musste.

Fast hatte ich gedacht, ich hätte nicht viel zu berichten, aber nein, auch in den letzten Wochen ist wieder so einiges geschehen. (Allerdings habe ich – nicht zuletzt wegen des Diebstahls meiner Kamera – keine neuen Fotos anzubieten, außer denen, die ich mit einer aus der Schule geliehenen Kamera von meiner neuen Wohnung gemacht habe sowie 2 Fotos, die ich von meinem Vorgänger bekommen habe und die ich Euch nicht vorenthalten möchte.)

 
Wohnungsaussicht alt

So z.B. am 30.11., als ich mit meinem Schulleiter und dem noch amtierenden Oberstufenleiter nach Sao Paulo fliegen wollte, um bei den dortigen Abiturfeiern zu hospitieren:

Nach einer halben Stunde entlang der Küste bog der Flugkapitän nicht, wie bei meiner ersten Reise nach Sao Paulo, ins Landesinnere ab, sondern flog auf´s offene Meer! Der erste Gedanke (Entführung?) konnte zum Glück bald beiseite gelegt werden – der Kapitän umrundete 5 mal eine Insel. Dann meinte er, er bekäme keine Landeerlaubnis und so allmählich ginge ihm der Treibstoff aus, also wolle er wieder zurückfliegen… Als er dann zum Landeanflug die Maschinen drosselte, hoffte wohl jeder, dass tatsächlich der Pilot hierfür verantwortlich war und nicht vielleicht doch der Mangel an Sprit…

Wohnungsaussicht neu
 

Wir nahmen eine andere Maschine und mit der erreichten wir dann Sao Paulo, wo wir später mit dem Taxi an der Stelle vorbeikamen, an der im Juli der schwere Flugzeug-Unfall gewesen war. Es ist ohnehin völlig unverständlich, wie man mitten in dieser Stadt einen Flughafen betreiben kann.

Nach dem problemlosen Rückflug konnte jeder von uns behaupten, an einem Tag zweimal in Rio de Janeiro gelandet zu sein. Nicht gerade alltäglich....

Inzwischen ist der Container , in dem auch einige Instrumente und Bücher von mir sind, hier im Hafen eingetroffen. Hatte ich ursprünglich gedacht, die Spedition (die mit einer brasilianischen Firma zusammenarbeitet) würde alles organisieren, so hatte ich weit gefehlt – eine Sekretärin der Schule müht sich seit Wochen mit einem nicht enden wollenden Berg von Formularen ab. Alles in mehrfacher Ausfertigung und jede Unterschrift muss notariell beglaubigt werden etc. etc. Allein das hat bisher ca. 180 Euro gekostet, und wenn nicht alles in Ordnung sein sollte, kommen noch täglich Hafengebühren dazu. Ich werde den Verdacht nicht los, dass das Ganze nur dazu dient, möglichst vielen eine Beschäftigung bzw. finanzielle Beteiligung an dem Transport zu verschaffen.

Am Freitag (14.12.), dem letzten Unterrichtstag des Schuljahres, gab der Vorstand des Schulvereins ein Weihnachtsfest , das es in sich hatte. Alle Kollegen waren einstimmig der Meinung, das Gebäude wäre noch nie so schön geschmückt gewesen. Bereits am Eingang wurde man von Kerzen empfangen, auf allen Treppenstufen standen Kerzen und die Räume waren ebenfalls ausschließlich durch Kerzen beleuchtet. Die Stimmung war entsprechend und es wurde ein sehr schöner und langer Abend.

Abschlussfeier
 
Abschlussfeier

Am Samstag, dem 15.12. bin ich von der Praia de Botafogo zur Rua Sao Clementi umgezogen . Der Schulweg verkürzt sich damit von 30 Minuten auf 3 Minuten, denn die neue Wohnung liegt nur 400 m neben der Schule. Die wunderschöne Aussicht auf die Bucht habe ich damit zwar aufgegeben, dafür aber einen schönen, ruhig gelegenen Garten mit einem 25-m-Pool erhalten...

Das Gebäude war ursprünglich als Hotelanlage geplant worden (daher auch der große Pool), das Projekt wurde aber nicht verwirklicht. Stattdessen sind dort nun Privatwohnungen.

Abends habe ich dann das Konzert einer brasilianischen Kollegin besucht, bei dem ich erneut die Gelegenheit bekam, auch selber (als Sänger) aufzutreten.

Am 18.12. schließlich habe ich endlich mit brasilianischen Musikern eine Session machen können: Von 11 bis 16 Uhr spielte ich mit einem Profi-Schlagzeuger und einem Bassisten Rock-, Funk- und Blues-Musik. Es machte allen viel Spaß und am Ende waren wir alle völlig durchgeschwitzt...

Als ich dann nach der Rückkehr in den Pool sprang, wusste ich: Der Umzug hat sich gelohnt...

Pool
 
Aussenanlage

Zum krönenden Abschluss durfte ich abends an der Geburstagsfeier einer Kolumbianerin teilnehmen, deren Kinder hier auf der Schule sind. Die Feier fand in Santa Theresa statt, einem höher gelegenen alten Stadtteil, von dem aus man eine traumhafte Übersicht über Rio hat. Caipirinha kann man nicht nur mit Limonen, sondern auch mit Kiwi, Erdbeeren oder Ananas zubereiten... Alles lecker, aber auch nicht ganz ohne...!

Am Mittwoch (19.12.) war hier Schuljahresende. Nach der Zeugnisausgabe und einigen kleineren Konferenzen gab der scheidende Oberstufenleiter in einer Klosterkirche mit seinem Schul-Chor ein unglaubliches (Abschieds-)Konzert: Er dirigierte das Requiem von Mozart , begleitet vom brasilianischen Symphonie-Orchester. Ich habe ja selber 15 Jahre lang 5 Chöre bei ihren jährlichen Konzerten auf der akustischen Gitarre begleitet, aber das hier war schon „der Hammer“!

Das war der Abschlusses eines unglaublichen halben Jahres!

Am nächsten Tag habe ich ihm sein Auto abgekauft. Ein pott-haessliches, 5 Jahre altes. Hatte nie vor gehabt, einen Ford Ka zu kaufen. Aber bevor ich mir hier einen Neuwagen kaufe und – bei dem Verkehr hier - jeden Meter vor Panik, der Wagen könnte eine Macke bekommen, sterbe, dann lieber so was... Die Maßstäbe ändern sich hier halt...

 

 
Praia Ipanema
Zuckerhut Botafogobucht
 

Während andere davon träumen, mal zur Copacabana zu fahren, habe ich dort schon 4 Arztbesuche hinter mich gebracht und gestern bin ich nur dorthin gefahren, um mir d-Saiten für meine klassische Gitarre zu kaufen. Die reißen wegen der dünnen Metallumwicklung immer am schnellsten. Kam fluchend zurück – es gab keine einzelnen Saiten, sondern man kann nur ganze Sätze kaufen. Also mit auf die Liste: Im Januar von Deutschland mitbringen!

Spät abends gab´s dann ein ganz merkwürdiges Erlebnis: Eine Frau zündete an einer Kreuzung 3 Kerzen an – bzw. versuchte es. Mit der dritten klappte es nicht so recht. Ich fragte „porque?“, vermutete, ein Freund von ihr wäre hier durch einen Unfall um´s Leben gekommen, und versuchte, mit einem abgebrannten Streichholz das Feuer von der zweiten zur dritten Kerze zu übertragen. Wurde heftigst vertrieben..!

Später dämmerte es mir, als ich sie aus einiger Entfernung beobachtete, wie sie an der anderen Straßenseite ebenfalls einige Kerzen anzündete und noch einige Gegenstände daneben stellte. Zur Bestätigung erhielt ich dann später die Antwort eines Taxifahrers, der in der Nähe stand: „Espiritualism“ oder so ähnlich – Okkultismus bzw. schwarze Magie! Zwar sind die meisten Menschen hier offiziell katholisch, aber das ist hier ebenfalls offenbar weit verbreitet, wie ich zuvor schon der Literatur habe entnehmen können.

So, das wär´s dann für´s erste. Ich bereite mich gerade auf meinen Abflug am morgigen Sonntag vor und freue mich darauf, viele von Euch wiederzusehen (zugegebenermaßen allerdings weniger auf die in Deutschland herrschenden Temperaturen...). Denjenigen, denen ich keinen Besuch abstatten kann, wünsche ich bereits jetzt ein frohes Weihnachtsfest, einen guten Rutsch ins neue Jahr und viel Glück in selbigem. Mag wie eine Floskel klingen, ist aber ernst gemeint!

Uwe

See Uwe Guitar playing!

UweBrunn@gmail.com
ubrunn@eacorcovado.com.br
Uwe in der Zeitung  
Ältere Einträge:
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