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Rio de Janeiro, den 11.11.2007

Liebe Freunde!

5 weitere Wochen sind vergangen, es ist viel geschehen und Zeit für ein paar weitere Zeilen.

Bereits einen Tag, nachdem ich meinen letzten Bericht geschrieben hatte, gab es in der Favela direkt hinter der Schule tagsüber eine heftige Schiesserei – die Polizei war auf Drogensuche. Aus Angst vor Querschlägern durften die Schüler die Räume nicht verlassen und der Unterricht wurde bereits mittags beendet. Da ein Fluchtweg der dort Wohnenden (bzw. Gesuchten) direkt hinter dem Schulgelände verläuft, war das ganze schon nicht ohne...

In der zweiten Oktoberwoche hatten wir Schulferien und ich bin mit dem Bus ca. 2 Stunden nach Angra dos Reis (150 km südlich von Rio) gefahren, vorbei an einer traumhaften Küstenlandschaft mit 365 Inseln und den – leider - letzten 8 % des hier ehemals sehr verbreiteten atlantischen Regenwaldes.

 
Zuchthaus von Dois Rios

Anschließend ging es mit der Fähre 1 ½ Stunden hinüber zur Ilha Grande, einer großen (150 km Küstenlinie und über 100 Strände), nur wenig bewohnten Insel (HauptortVilla do Abraao mit 4000 Einwohnern), auf der kein Autoverkehr erlaubt ist und die einfach paradiesisch schön ist. Schon die Ankunft war beeindruckend: Zu meiner Pousada führte keine Straße – nach Verlassen des Bootsteges musste ich einfach 600 m über einen breiten Sandstrand laufen und war dann am Ziel.

Bis 1994 gab es hier bei Dois Rios ein berüchtigtes Zuchthaus, deshalb ist die Insel wohl bis dahin auch nicht touristisch genutzt worden und so urtümlich geblieben. Während einer meiner beiden Wanderungen habe ich die Reste des Gefängnisses gesehen – unglaublich, wie nahe Himmel und Hölle nebeneinander liegen können, denn direkt daneben lag ein wunderschöner, völlig leerer Stand. Auf dem Rückweg hörte ich oben auf dem Pass in einiger Entfernung derart unheimliches und schreckliches Geschrei, dass ich sicherlich nicht weitergegangen wäre, wenn die Stelle hätte passieren müssen. Erst später erfuhr ich, dass es sich um Brüllaffen gehandelt hatte, die gar nicht furchterregend, sondern sogar relativ klein sein sollen.

Strand von Lopez Mendes
 

Meine zweite Wanderung führte an mehreren Stränden vorbei zum Strand von Lopes Mendes, dessen Sand tatsächlich – wie mir von anderen berichtet worden war – so fein ist, dass er bei jedem Schritt quietschte!

Unterwegs traf ich auf eine Gruppe junger Männer, die Musik machte, und da sie noch eine 2. Gitarre organisieren konnten, habe ich eine Stunde mit ihnen musiziert. Wie hatte mir doch ein Jazz-Gitarrist kurz vor meiner Abreise in Deutschland geschrieben? „Gitarristen gibt es da genug, aber Europäer spielen anders und das mögen sie.“ Wie Recht er damit hatte, habe ich hier erstmals und in den folgenden Wochen noch des öfteren erleben dürfen.

Am 2. Tag auf der Insel gab´s einen kleinen Unfall: War auf dem Weg ins Dorf auf einem glitschigen

Stein am Strand, den ich wegen der Aussicht erklettern wollte, ausgerutscht und mit dem Gesicht aufgeschlagen.Hat mich die Ecke eines Schneidezahns gekostet und zu etlichen Hautabschürfungen geführt, hätte aber auch schlimmer ausgehenkönnen, wie mir später bewusst wurde.

Auf dem Weg in eine Drogerie traf ich am Strand eine Familie, deren Tochter Gitarre spielte und der ich einen Tag vorher ein Lied vorgespielt hatte. Man bat mich, zu bleiben, aber ich wollte mir erst etwas zum Desinfizieren besorgen. Als ich zurückkehrte (die Familie saß unter einer Laterne) stand der Vater auf, holte etwas aus seiner Wohnung, meinte er wäre Arzt und versorgte mich dann. Nachdem ich verbunden war, wurde dann Musik gemacht, und anschliessend wurde ich zum Essen eingeladen und verbrachte etliche schöne Stunden mit ihnen.

Dass ist so typisch hier – man sitzt irgendwo, 3 Brasilianer fragen, ob sie sich dazusetzen dürfen, und als Dank bekommt man etwas zu essen. Oder man geht am Strand entlang, sieht, wie 2 Männer einen Fisch grillen, kommt zurück und wird aufgefordert, zu probieren. War der lecker!

An den anderen 3 Tagen habe ich etliche sehr schöne Tauchgänge unternommen, der Boden ist hier so bewachsen, dass teilweise kein Felsboden mehr zu sehen ist. Herrlich! Da werde ich mit Sicherheit nicht das letzte Mal gewesen sein!

Dass dem Hausgehilfen, der am Abreisetag meine Tasche zur Fähre gebracht hatte, der Schulterriemen gerissen war, vergessen wir mal. Zumal da eine Flasche Rotwein in der Tasche gewesen war...

 
Musiker

Nach der Rückkehr in Rio bin ich den Strand von Flamengo, der quasi vor meiner Haustür beginnt und sich nach Norden erstreckt, entlanggewandert. Als ich hier das erste Mal gewesen war, hatte ich mir am Ende des Strandes eine Dose Bier gekauft und mit dem Verkäufer (der mir noch ein paar Stücke einer Orange, die er gerade schälte, gegeben hatte) ein paar Sätze gewechselt. Als ich ihm jetzt – 14 Tage später – wieder begegnete, wurde ich gleich mit „Alemao“ begrüsst.

Der Strand ist sehr faszinierend. Landschaftlich kann er vielleicht nicht mit der Copacabana oder dem Strande von Ipanema mithalten, aber dafür findet man hier kaum Touristen, wohl aber jede Menge natürliches Strandleben der Einheimischen, und es ist einfach spannend, nur da zu sitzen und zu beobachten.

Mitte Oktober war ich schwer krank. Die erste Nacht, in der es begann, glaubte ich fast nicht zu überleben, mal raste der Puls, dann war er wieder nicht zu spüren und mir wurde schwindelig. Einige Nächte später hatte ich rechts so starke Ohrenschmerzen, dass ich dachte, es würde platzen. Zum Glück wurde mir ein sehr guter, deutsch sprechender Arzt (ehemaliger Schüler der Schule) empfohlen, der mir hilfreiche Medikamente verschrieb. Ein anderer ehemaliger Schüler, inzwischen hier Professor an der Uni, hat sich dann um meinen Zahn gekümmert. Wenn ich dann noch daran denke, dass ich mir nach meinem letzten Besuch in Buzios ein schwarzes Muttermal, dass sich deutlich zu verändern begann, hatte herausschneiden lassen müssen, dann reicht´s erst einmal mit Arztbesuchen...

Schmetterlinge
 

Zum Trost habe ich mir nach der Genesung im Stadtteil Copcabana eine akustische Gitarre gekauft – habe hier ja nur eine E-Gitarre, und allmählich fehlte das Spielen auf einer akustischen Gitarre einfach zu sehr. Tat das gut, danach erst einmal ein paar Stunden lang die alten Stücke zu wiederholen...

Zum Glück beginnt sich musikalisch allmählich etwas zu bewegen. Im Rahmen eines sehr schönen Schulfestes hatte ich einige Stücke gespielt, in Buzios, wo ich Anfang November wieder für ein paar Tage war, 3 kurze Auftritte mit Musikern, die ich dort inzwischen kennen gelernt habe, und seit zwei Wochen bekomme ich Unterricht von einem der besten Gitarrenlehrer Rios. Ich hatte ihn vor 8 Wochen erstmals kennen gelernt und 6 Wochen hat es gedauert, bis ich endlich ein Angebot von ihm bekam. Nach dem ersten Unterricht wusste ich nicht mehr, wo meine rechte Hand war und wo meine linke, aber er war am Ende ganz zufrieden mit mir...

Es macht Spaß, neue Dinge zu erlernen, aber ich hoffe auch, durch den Kontakt mit ihm weitere Kontakte zu bekommen. Am 24.11. hat er einen Auftritt in Rio und möchte mich auf der Bühne dabei haben. Bin gespannt...

Seit Juli bin ich nun hier und seitdem hat es nur sehr selten geregnet. Ende Oktober gab es dann aber an einem Tag soviel Regen, wie sonst an durchschnittlich 45 Tagen. Einer der wichtigsten Verkehrstunnel, die die Stadtteile verbinden, war wegen eines Erdrutsches versperrt, was zu einem unglaublichen Verkehrschaos führte. Bin trotzdem trockenen Fusses zurück zu meiner Wohnung gekommen, zumindest fast: Als ich an der letzten Kreuzung stand, sah ich im Augenwinkel plötzlich einen Bus und direkt vor mir nahm ich noch die riesige Wasserlache wahr...

Ende Oktober gab´s dann eine nicht ganz so schöne Erfahrung – jemand, den ich etliche Stunden lang kennen gelernt hatte und der ebenfalls Musiker zu sein behauptete, nutzte einen Besuch in meiner Wohnung dazu aus, Kamera, Handy, Bankkarten und Geld mitgehen zu lassen. Nachdem ich hier schon so viele nette Menschen kennen gelernt hatte, war ich einfach zu gutgläubig gewesen. Sehr ärgerlich, aber auch da hätte es sicherlich schlimmer kommen können, von daher will und darf ich mich nicht beklagen.

Anfang November schließlich bin ich wieder kurz in Buzios gewesen. Am Tag meiner Abreise hatte wir hier übrigens 40 Grad – und das quasi Anfang Mai (nach europäischer Zeitrechnung).

Selbst die Brasilianer stöhnten...

 
Strand auf Illha Grande
Strand bei Dois Rios
 
Als ich während eines Tauchgangs wieder in die Nähe der Stelle kam, wo beinahe der Unfall passiert wäre, wurde es mir zwar etwas mulmig, aber alles verlief problemlos und es waren wieder herrliche Tage. Nächste Woche haben wir – bedingt durch einige Feiertage – zwar 6 Tage am Stück frei, aber ich werde diese Tage wohl nutzen, um mich in der Schule in die Oberstufenleitung einzuarbeiten. Das Schuljahr dauert nur noch 5 ½ Wochen, und da der bisherige Oberstufenleiter dann zurück nach Deutschland gehen wird, werde ich nicht mehr allzu viele Gelegenheiten haben, um von ihm Informationen erhalten zu können.

Ansonsten laufen die ersten Vorbereitungen für meinen Aufenthalt in Deutschland. Ich werde Weihnachten kommen, Ende Dezember mit meinem Bruder nach Teneriffa zum Tauchen fliegen, und vorher bzw. anschließend hoffentlich möglichst viele von Euch wiedersehen. Vorher wird es aber noch einen weiteren Bericht geben...

Liebe Grüsse aus Rio!

Uwe

See Uwe Guitar playing!

UweBrunn@gmail.com
ubrunn@eacorcovado.com.br
NEU: Uwes Website  
Ältere Einträge:
Bericht vom 2. Oktober 2007
Bericht vom 20. Juli 2007
Uwe in der Zeitung
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