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Rio de Janeiro, den 02.10.2007

Liebe Freunde,

der zweite Bericht erscheint mit Verspätung… die Zeit vergeht wie im Flug und der Alltag hat mich wieder in seinen Klauen...

Inzwischen sind die ersten Klausuren geschrieben worden, deren Korrekturen doch etwas mühsamer sind als in Deutschland, da die Schüler nur zu einem kleinen Teil aus deutschsprachigen Familien kommen. Häufig werden bras. Schüler auf diese Schule geschickt, weil vor einigen Generationen jemand aus Deutschland hierher kam, weil es noch Verbindungen nach Deutschland gibt, Bekannte ihre Kinder hier haben/hatten oder wegen des wirklich sehr guten Rufes der Schule.

 

 
Abflug-B-Rio 17-09-07

Generell gelten private Schulen als deutlich besser wie die öffentlichen Schulen (bei den Universitäten ist es umgekehrt) – allerdings müssen die Eltern ein hohes Schulgeld zahlen (monatlich ca. 1200 Riais, also etwa 500 Euro – zum Vergleich: Ein bras. Lehrer verdient an einer öffentlichen Schule ca. 1000 Riais).

Die Schüler kommen also aus etwas betuchteren Familien. Dementsprechend war ich sehr gespannt auf den ersten Elternsprechtag, der am letzten Samstag stattgefunden hat.

Meine Befürchtung, die Eltern könnten im Falle schlechter Noten unwillig oder fordernd reagieren, erwies sich als völlig unbegründet. Alle Gespräche verliefen in einer sehr entspannten Atmosphäre, die Eltern waren sehr sensibel, verständnisvoll und hilfsbereit.

Daher macht die Arbeit in der Schule nach wie vor viel Freude, wenngleich sich für´s nächste Jahr (Organisation zweier Abiturdurchgänge, nämlich letztmals für den Jg. 13 und erstmals – wegen der Schulzeitverkürzung – auch für den Jg. 12) viel Arbeit ankündigt. Erschwert wird alles noch dadurch, dass die Schüler parallel Vestibular-Prüfungen machen, das sind fach- und universitätsspezifische Aufnahmeprüfungen. Das ergibt für sie einen wahren Vorbereitungs-Marathon...

Buzios-09-2007
 

Am 7./8./9. hatten wir hier ein langes Wochenende und ich bin wieder nach Buzios zum Tauchen gefahren. Ich wusste zwar, dass der Ort stark besucht werden würde (u.a. waren sogar meine beiden 11er-Klassen da), aber ich wollte ja auf´s bzw. unter´s Wasser, von daher war mir das egal.

Die Hinfahrt war recht mühsam, für die ersten 30 km brauchte der Bus 2 ½ Stunden... Ausserdem war´s rattenkalt – irgendwie haben hier die Klimaanlagen nur eine Stufe (nämlich maximale Leistung) und keinen Ausschalter. Als an einer Autobahnraststätte gehalten wurde, habe ich mir erst mal ein dickes Frotteehandtuch gekauft und mich darin eingewickelt, dann ging´s (draussen war´s sehr warm ...). Da Buzios völlig überfüllt war, durfte ich bei dem Besitzer der Poussada, in der ich schon 2 mal gewohnt hatte, übernachten – ein unglaublich schönes Haus mit eigenem Strand, das Gästezimmer ausschliesslich mit Antiquitäten bestückt...

Das Tauchen war nicht unproblematisch – am ersten Tag fuhr das Boot mit einstündiger Verspätung raus, weil noch auf eine grosse Tauchergruppe gewartet werden musste. Der Wellengang stimmte mich nachdenklich. Als ich dann plötzlich bei einer besonders heftigen Welle den Kontakt zu meinem Sitz verlor, weil das Boot so schnell abgesackt war, drehte der Kapitän sofort und gab den Versuch auf, den Tauchplatz (eine in 1 Std. Entfernung vor der Küste liegende Insel) zu erreichen.

Am Samstag und Sonntag konnten wir dann rausfahren. Allerdings wäre mein letzter Tauchgang am Sonntag beinnahe tatsächlich mein allerletzter gewesen. Wie in Tauchzeitschriften immer wieder betont, kommt es meist dann zu Unfällen, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen. In diesem Fall hatte sich plötzlich der Wind gedreht und damit die Strömung völlig verändert (als die Crew das bemerkt hatte, suchte sie mich und meinen Tauchpartner sofort - und zum Glück - mit einem Schlauchboot), wir waren aus dem Strömungsschatten der Insel gelangt, und als wir an einer Stelle der Küste vorbeikamen, wo eine tiefe, schmale Schlucht in der Felswand war, wurde die Brandung bzw. die Macht des Wassersogs um eine Vielfaches verstärkt.

Absolut überraschend traf uns die Wucht und riss uns auseinander – keine Ahnung, wo mein Tauchpartner geblieben war. Ich hoffte nur, dass er nicht nach oben gerissen oder womöglich gegen die Felsen geworfen worden war. In dem Moment, in dem uns die Strömung erfasste, waren wir völlig machtlos gegenüber der Gewalt des Wassers. Ich konnte mich zum Glück an einen (sehr scharfkantigen...) Felsen klammern und so lange warten, bis meine Panik (die ich zum Glück sehr bewusst wahrgenommen hatte) halbwegs abgeklungen war und ich mir überlegen konnte, wie ich ohne Gefahr von der Stelle weggelangen könnte.

Inzwischen hörte ich über mir das Boot, das nach meinem Partner und mir suchte. Irgendwie habe ich es dann geschafft, aber auch das (notwendigerweise langsame) Auftauchen war nicht einfach.

 
Buzios-07-2007

Die vorgeschriebenen 3 Minuten bei 3-5 Metern auszubalancieren war schon eine Herausforderung. Gut, dass ich inzwischen doch schon etwas Routine habe. Oben angekommen sah ich dann meinen Tauchpartner in grösserer Entfernung, das Boot war gerade bei ihm und kam dann auch zu mir.

An Bord waren alle froh und erleichtert und meine Hände wurden erst mal desinfiziert, da ich sie mir doch etwas aufgeschnitten hatte...

Da Buzios so voll war, hätte ich schon am Sonntag um 10 Uhr zurückfahren müssen, da alle Bussplätze vergeben waren. Da ich aber am Montag erst um 12 Uhr in der Schule sein muss, bin ich erst am Montag um 7 Uhr gefahren. 3 Stunden reine Fahrzeit und 2 Stunden Reserve hätten reichen müssen. Tat es auch – es gab zwar noch einen Stau, aber um 11 Uhr war ich am hiesigen Busbahnhof (der mir grösser zu sein scheint als der internat. Flughafen) und bin dann direkt mit einem Taxi zur Schule gefahren. Passte...

Am Montag, den 17.9. gab´s dann das zweite „Abenteuer“ – durfte für 3 Tage zu einer Fortbildung nach Sao Paulo fliegen (ca. 450 km entfernt). Hatte zum Glück einen Fensterplatz. Der Anblick des Stadtzentrums war unglaublich – man sah nichts anderes als Hochhäuser, und das minutenlang!!! Das Bild ( Sao Paulo 1 ) war so unwirklich, dass ich wirklich das Gefühl hatte (so wie es in Science-Fiction-Filmen manchmal gezeigt wird) auf eine andere Welt zu schauen.

Der Blick aus meinem Hotelzimmer (19. Stock) war ähnlich beeindruckend. Hatte den Fehler gemacht, zu glauben, auf der Rückseite wäre die Bebauung nicht mehr so stark. Fehler... als ich auf´s Dach des Gebäudes gelangt war, musste ich feststellen, dass es rundherum nichts als Hochhäuser gab...

Bei der Fortbildung konnte ich den übrigen Teilnehmern einige Bilder von Rio zeigen (z.B. das Foto, dass ich beim Abflug bei Sonnenaufgang gemacht hatte, als wir gerade über die Küste flogen. ( Abflug B )... Bloss gut, dass ich nicht an der dt. Schule in Sao Paulo arbeiten muss...

Ansonsten habe ich inzwischen etliche sehr lockere Kontakte, natürlich vorzugsweise zu Musikern. Bin erst gestern noch – „über 3 Ecken“ zu einem kleineren Konzert eingeladen worden:

 
Copa abends

Hatte mal abends in einem Strassenlokal ein junges Paar kennengelernt, dass sehr gut Englisch sprach und dem ich erzählt hatte, dass ich Anschluss an die hiesige Musikszene suchen würde. Am nächsten Tag bedankte ich mich kurz mit einer e-mail.

Antwort bekam ich dann nicht von ihnen, sondern von einem Musiker (dem sie von mir erzählt hatten), der mir weiterhelfen wollte und mich auch mehrfach angeschrieben hatte, um nähere Informationen über mich zu erhalten. Gestern dann wies er mich auf ein Konzert hin, zu dem er selber zwar nicht gehen konnte, aber er empfahl mir wiederum eine Freundin von ihm, der er bereits von mir erzählt hatte und deren Freund auch Musiker sei und gab mir ihre Telefonnummer. Also rief ich an, beschrieb mich kurz, damit sie mich beim Treffen an der Bushaltestelle in der Nähe meiner Schule erkennen konnten, und machte mich auf den Weg. Wir fuhren per Bus nach Lapa, einem Künstlerviertel, und gingen dann zu Fuss weiter. Das Konzert fand im Rahmen einer Geburtstagsfeier eines der Musiker statt. Auch da fanden sich wieder etliche, die sich mit dem „Exoten“ (ich habe hier noch keinen mit meiner Körpergrösse gesehen...) unterhalten wollten. Etwas komisch ist bei solchen Gesprächen dann, wenn man etwas über Deutschland erzählen soll, weil man von dem Land noch nichts gehört hätte...

Die Musik war nicht so berauschend, aber der o.g. Musiker stellte mir in Aussicht, nächsten Samstag zu einer Probe seiner Band in Copacabana kommen zu können. Hat leider nicht geklappt. Die Verbindung besteht aber noch.

Mal sehen.

Sao Paulo

 

 

Ansonsten habe ich zum Jahresende eine neue Wohnung in der Nähe der Schule in Aussicht. Die Gegend ist zwar nicht leiser (schade, denn die Wohnung hat auch einen Balkon), aber wenn man die Fenster schliesst, herrscht Ruhe, was in meiner derzeitigen Wohnung nicht der Fall ist.

Ausserdem ist hinter dem Haus (bzw. einem zweiten Gebäude) ein sehr grosser, ruhig gelegener Garten und – weil ursprünglich als Hotelanlage geplant – ein 22-m-Pool, was bei dem hier herrschenden Wetter natürlich sehr attraktiv ist ...Aus irgendeinem Grund hat das mit dem Hotelbetrieb nicht geklappt, deshalb sind die Wohnungen regulär vermietet worden. Wäre das von vornherein das Ziel gewesen hätte man niemals einen derartigen Pool gebaut.

Werde zwar die Inneneinrichtung übernehmen / abkaufen müssen, aber die Sachen sind in Ordnung und noch rel. neu, so dass ich insgesamt denke, der Umzug dürfte sinnvoll sein. Lediglich die hiesige Aussicht auf die Bucht werde ich vermissen.

In 1 Woche haben wir eine Woche Herbstferien, hier „Kartoffelferien“ genannt. Das Besondere daran ist, dass es die an den anderen Schulen nicht gibt. Wir als deutsche Schule haben natürlich die Tradition, das es Herbstferien gibt, gerne in den Schuljahres-Plan übernommen... Dementsprechend gibt es keinen Urlaubsrummel, keine Buchungsprobleme und keine (?..) Staus, wenn man in der Woche vereisen will.

Ursprünglich hatte mein Chef mich eingeladen, mit seiner Familie und der des stv. Schulleiters mit ins Pantanal zu fahren, dem tierreichsten (Sumpf-)Gebiet im Süden des Landes, aber das Unternehmen ist aus finanziellen Gründen gescheitert. Mal sehen, ob es eine Alternative gibt. Andernfalls werde ich mich schon alleine beschäftigen können...

Arial de Cabo und Cabo Frio sind zwei Tauchgebiete in der Nähe von Buzios, die ich noch nicht kenne, und etwas weiter im Süden gibt es die Ilha Grande, die auch sehr lohnenswert sein soll.

Vor kurzem war ich erstmals auf dem Zuckerhut (Pao de Acucar) – die Auffahrt mit der Seilbahn war zwar eine Mutprobe für mich, die Aussicht aus 300 m Höhe und der Sonnenuntergang dafür aber unglaublich – als Beispiel ein abendlicher Blick auf die Copacabana ( Bild Copacabana ). Morgen ist das gesamte Kollegium wegen des Tages der dt. Einheit zum dt. Konsul eingeladen.

Ansonsten fiebern alle den kurzen Ferien entgegen. Mir geht´s allmählich so, wie dem da: ( Bild „urlaubsreif“).

Liebe Grüsse aus Rio!

Uwe

 
Urlaubsreif...

 

 
UweBrunn@gmail.com
NEU: Uwes Wesite
 
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Bericht vom 20. Juli 2007
 
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