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Rio de Janeiro, 19. Agosto 2007
 

Liebe Freunde!

Inzwischen bin ich seit 4 Wochen in Rio und denke, es wird Zeit, kurz zu schildern, wie es mir bisher ergangen ist.

Am Donnerstag, dem 19.07., bin ich nach 14 Stunden (über Lissabon) in Rio angekommen und wurde von dem Chauffeur, den ich hier schon im April kennen gelernt und mit dem ich schon so manche Fahrt unternommen hatte, vom Flughafen abgeholt.

Meine Wohnung liegt direkt am Strand des Stadtteils Botafogo im Süden der Stadt, ca. 3 km von der Copacabana und vom Zuckerhut entfernt.

 
 

Der Blick aus der Wohnung ist traumhaft (siehe Bild oben; morgens um 6:30 Uhr), ich kann direkt zum Corcovado mit der Christo-Statue sehen. Leider ist sie aber aufgrund des enormen Verkehrs in Rio sehr laut und es fehlt eine Terrasse oder ein Balkon, daher werde ich mich auf Dauer wohl nach etwas anderem umsehen.

Es war schon ein sehr merkwürdiges Gefühl, nach der ersten Nacht ganz allein in einer 10-Mio-Stadt aufzuwachen. Als ich dann erst einmal eine CD (Ruphus: „Let your light shine“) eingelegt hatte und vertraute Musik hörte, ging´s wieder...

 
 

Die Wohnung teile ich mir mit einer Kollegin aus Ravensburg, die einen Tag nach mir ankam.

Zur Zeit herrscht hier „Winter“ – drei Tage nach unserer Ankunft sind wir bei 33 Grad an die Copacabana (BILD links) zum Schwimmen gegangen...

Na ja, wir hatten auch schon Temperaturen von 15 Grad abends bzw. nachts, und die können ganz schön schattig sein, da es hier keine Heizungen in den Häusern gibt. Aber überwiegend liegen die Tagestemperaturen im Bereich von 20 – 25 Grad. Von Montag bis Donnerstag waren wir nach Buzios, 170 km nördlich von Rio gefahren, um zu tauchen und zu faulenzen (nächstes BILD unten).

 
 

Danach dann nochmals einige Tage Eingewöhnung in Rio und los ging´s.

Inzwischen sind die ersten 3 Schulwochen geschafft. Ich unterrichte in 2 10er und 2 11er Klassen Biologie und Chemie. Die Schüler sind ausgesprochen nett (überwiegend Brasilianer bzw. Schüler, bei denen zumindest ein Elternteil aus Brasilien kommt), die Kollegen ebenfalls, und meinen Chef kenne (und schätze) ich ja noch aus der Zeit, als wir vor 10 Jahren in Marl zusammengearbeitet haben.

Die Schule ist ebenfalls ca. 3 km von meiner Wohnung entfernt. Sie liegt direkt unter dem 700 m hohen Corcovado und heißt deshalb auch Escola Alema Corcovado. Ich kann mit dem Bus dorthin fahren, bin bisher aber immer gegangen, weil ich mich an der Stadt einfach nicht satt sehen kann. Sie ist in einem ehemaligen amerikanischen Konsulatsgebäude untergebracht und liegt einerseits in einem sehr schönen Park, andererseits in direkter Nachbarschaft einer Favela.

Und das ist so typisch für Rio – diese extreme Gegensätzlichkeit. Man sitzt an einem wunderschönen Abend in einem Straßencafe und beobachtet das lebhafte Treiben, bietet (wie es mir gestern passiert ist) einigen Gästen die freien Plätze am Tisch an und wird von denen gleich zum Essen eingeladen... und dann sieht man, wie ein Schuhputzer für seine Arbeit 2 RS (ca. 50 Cent) bekommt und trifft auf dem Heimweg immer wieder auf Menschen, die betteln oder die auf dem Bürgersteig, unter einer Brücke oder wo auch immer schlafen.

Genau wie schon im April fasziniert mich die unglaubliche Freundlichkeit der Menschen hier. Es stellt überhaupt kein Problem dar, mit irgendjemandem ins Gespräch zu kommen (vorausgesetzt er kann Englisch...). Selbst wenn man noch so sehr beteuert „Nao farlar portugues“ – sie lassen nicht locker und versuchen doch irgendwie Kontakt aufzunehmen.

 
 

Und welche Kontakte man hier erhält... Vor einer Woche habe ich mich mehrere Stunden lang mit 2 Männern in einem Straßencafe unterhalten, die hervorragend Englisch sprachen – einer von beiden war der brasilianische Konsul in Belgrad, der einige Tage später zurückflog. Heute kam eine e-mail von ihm mit musikalischen Tipps fuer Rio und dem Wunsch, in Kontakt zu bleiben…

Neben dem schon erwähnten Elend gibt es natürlich auch andere Schattenseiten. Bekannt ist die hohe Kriminalitätsrate. Gestern war ich von Schülern zu einer netten Grillparty eingeladen worden. Als mich abends erkundigte, ob ich zu Fuß zurückgehen könne und in welche Richtung ich gehen müsse, wurde mir davon abgeraten, da einige Gebiete, die ich hätte durchqueren müssen, zu unsicher seien

 
 

Generell soll man abends Gebiete meiden, die wenig bevölkert sind, sich nicht am Strand von Copacabana aufhalten etc. etc.

Man tut gut daran, die Empfehlungen der Einheimischen zu beachten.

Andererseits habe ich (mit Ausnahme des Überfalls im April) bisher noch keine unangenehmen Erfahrungen gemacht.

Zum Thema Pünktlichkeit: Der Handwerker, der die Waschmaschine reparieren (und dem Feuchtbiotop in der Küche ein Ende bereiten) sollte, wollte letzten Sonntag um 11 Uhr kommen, kam aber erst um 16 Uhr.

 
 

Meine Schule.

 
 

Warten zu können scheint hier überlebenswichtig zu sein: Meine Kollegin war auf dem Amt gewesen, um bestimmte Dokumente zu bekommen, und klagte darüber, dass es 2 Stunden gedauert hätte. Sie wusste nicht, welches Glück sie gehabt hatte... bei mir waren es über 3 Stunden, wobei die eigentliche Amtshandlung in 2 Minuten vollzogen war... Aber beim Betreten des Gebäudes bekam man eine Nummer, und danach hieß es: Warten...

Selbst für das Überweisen der Miete musste ich 40 Minuten in einer Bank warten.

Natürlich stellt die Sprache ein großes Problem für mich dar. Ob man die überhaupt lernen kann, beginne ich zu bezweifeln... Im Unterricht spreche ich zwar mit den Schülern Deutsch,aber in allen 4 Klassen habe ich jeweils 1 Stunde pro Woche zusammen mit brasilianischen Kollegen Chemie-Unterricht, und da wird´s dann natürlich schon spannend... Zum Glück sind viele Fachbegriffe sehr ähnlich, so dass ich inhaltlich besser folgen kann, als ich anfangs befürchtet hatte.

Bus-Fahren ist hier abenteuerlich. Die Busse halten an den Stationen oft nur, wenn jemand am Straßenrand steht und winkt. Dann gibt´s eine Vollbremsung, die es in sich hat. Darüber hinaus müssen die Busse wohl Spezialgetriebe besitzen, oder sie werden monatlich ausgewechselt... 5000 Busse soll es in Rio geben. Vermutlich 3-4 mal so viele Taxis, die sehr günstig sind. Überhaupt – der Verkehr ist hier höllisch: Es wird sehr schnell gefahren, ständig (allerdings nicht aggressiv) kurz gehupt, und irgendwie scheinen alle Jagd auf Fußgänger zu machen... Na gut, an rote Ampeln halte ich mich inzwischen auch nicht mehr, und da muss man dann natürlich aufpassen. Wie heißt es doch im DuMont-Reiseführer? „Alkoholkontrollen sind selten, aber zum Überleben braucht man einen klaren Kopf“... Ob ich mich jemals trauen werde, hier Auto zu fahren?

 
 

Musikalisch sitze ich noch etwas auf dem Trockenen, habe aber zum Glück eine E-Gitarre und meine Querflöte mitgenommen, so dass ich zumindest etwas üben kann. Seit einigen Tagen hängt ein Aushang im Lehrerzimmer, nach dem eine Lehrerband gegründet werden soll. Hoffnung keimt auf...

Alles in allem läuft es hier sehr gut. Die Frau meines Schulleiters hat mir eine Haushaltshilfe vermittelt, die Montags und Donnerstags die Wohnung putzt, die Wäsche macht, einkauft und verboten gut kocht... Ich habe zwar in den ersten 4 Wochen 4 kg abgespeckt, aber mir schwant Übles...

 

 
 
Trotzdem gab es hin und wieder (erwartungsgemäß) den ein oder anderen „Durchhänger“ – Stunden oder Tage, an denen ich mich gefragt habe, was ich hier eigentlich mache..., an denen ich mich gerne mit diesem oder mit jener getroffen hätte und an denen ich meinen Musikprojekten nachtrauere.

Aber damit habe ich gerechnet und solche Situationen werden sicherlich noch oft und wohl auch noch mit größerer Heftigkeit zu erwarten sein.

Hoffentlich nicht allzu häufig...

Abschließend gebe ich neben meiner e-mail Adresse vorsichtshalber auch die der Schule an, da ich mir nicht sicher bin, ob ich meine derzeitige Adresse auf Dauer werde behalten können.

UweBrunn@gmail.com

ubrunn@eacorcovado.com.br

Bis später – so in 4 Wochen.

U.

 
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